Skip to main content

Full text of "Aus der Werkstatt eines Künstlers : Erinnerungen an den Maler Hans von Marées aus den Jahren 1880-81 und 1884-85"

See other formats


o 


y-  T/“!v  **  5. , » 

A/t.  r*f**<*  *•> 


</s  ff-fii  *'  f 


Aus  der  Bibliothek 
Heinrich  Wölfflins 


Aus  der 


Werkstatt  eines  Künstlers. 


Erinnerungen 

an  den 

Maler  Hans  von  Maröes 


aus  den  Jahren  1880-81  und  1884-85. 


\ 


Als  Manuscript  gedruckt. 


LUXEMBURG. 

Druck  der  Hofbuchdruckerei  V.  BÜCK,  Leo  BÜCK,  Nachf. 
l80O. 


Digitized  by  the  Internet  Archive 
in  2016 


https://archive.org/details/ausderwerkstatte00pido_0 


Vorwort. 


In  den  nachfolgenden  Aufzeichnungen  habe  ich 
persönliche  Erinnerungen  aus  der  Werkstatt  des  Malers 
Hans  von  Marees  aneinandergereiht.  Meine  Absicht 
dabei  war,  von  der  Anschauungs-  und  Arbeitsweise 
dieses  Künstlers,  wie  sie  sich  praktisch  vom  Beginn  bis 
zum  Schlüsse  einer  Arbeit  darstellte , ein  annäherndes 
Bild  zu  geben. 

Ich  wende  mich  mit  diesem  Versuche  zunächst  an 
Diejenigen,  welche  Marees  im  Leben  nahe  gestanden 
haben  und  sich  mit  mir  in  dem  Wunsche  vereinigen, 
das  Andenken  des  hochverehrten  Freundes,  beziehungs- 
weise Lehrers  lebendig  zu  erhalten.  — Dann  an  einen 
weiteren  Kreis  von  Berufsgenossen  und  Kunstfreunden, 
welche  mit  Arbeiten  Marees’  bekannt  sind  und  sich 
über  sein  künstlerisches  Gebahren  näher  zu  unterrichten 
wünschen.  — Für  diejenigen  Leser  endlich,  welche  mit 
seinen  Werken  noch  unbekannt  sind  und  denen  die 
Gelegenheit  fehlt  solche  zu  sehen , bemerke  ich , dass 
nach  einer  Anzahl  seiner  Bilder  und  Zeichnungen  Licht- 
drucke angefertigt  worden  sind ; dieselben  befinden  sich 
in  allen  grösseren  Sammlungen  und  Kunst- Instituten 
Deutschlands. 

Paris,  im  März  1890. 


Karl  von  PI  DOLL. 


Inhalts- Y erzeiclmiss. 


I.  Vorbereitungen  zur  Arbeit  an  der  Bildtafel. 

Einleitung 1 

Studien-Zeichnungen 5 

Zeichnen  nach  der  Natur 7 

««^Skizzen  und  Entwürfe 19 

II.  Arbeit  an  der  Bildtafel. 

Einleitung 40 

Malgrund 42 

Aufzeichnen  auf  der  Tafel 44 

Grundzüge  der  Malerei 49 

Eifarben 54 

Grundzüge  der  Farbengebung 59 

Palette 62 

Mal-Yerfahren 63 

III.  Schluss- Betrachtung 84 


I.  Vorbereitungen  zur  Arbeit  an  der  Bildtafel. 

....  innerlich  durch  und  durch  voller  Figur. 

Dürer. 

Wenn  Marees  die  Arbeit  an  der  Bildtafel  begann, 
waren  jedesmal  Vorarbeiten  vorausgegangen.  Er  hat 
niemals  ein  Bild  in  Angriff  genommen,  ohne  vorher 
wenigstens  die  Haupt-Verhältnisse  der  Anordnung  in’s 
Beine  gebracht  zu  haben.  Meistens  aber  gingen  diese 
Vorarbeiten,  welche  immer  Zeichnungen  waren,  viel 
weiter.  Die  einem  Entwürfe  zugrunde  liegenden  Vor- 
stellungen gelangten  in  ihnen  grösstentheils  zu  einem  so 
hohen  Grade  der  Entwicklung,  dass  die  Haupt-Erschein- 
ungen der  Darstellung  in  vollständiger  Klarheit  Vorlagen. 
Im  Verlaufe  der  Arbeit  am  Bilde  hat  er  denn  auch,  was 
die  grosse  Anordnung  und  die  Haupt-Figuren  betrifft , 
niemals  Veränderungen  vorgenommen. 

Ueber  den  Ursprung  seiner  Entwürfe  hat  sich  Marees 
niemals  geäussert.  Wenn  man  es  dennoch  wagt,  die 
Ausgangspunkte  seines  künstlerischen  Gebahrens  zu  be- 
rühren, so  geschieht  dies  einerseits  auf  Grund  der  Ar- 
beiten, welche  er  hinterlassen  hat,  vorzüglich  aber  auf 


3 


Grund  thatsächlicher  Vorgänge,  die  sich  in  Gegenwart 
und  unter  Thef  nähme  der  Lernenden  vollzogen  und  bei 
denen  Marees  das  sachlich  beredte  Wort  nicht  sparte; 
endlich  auf  Grund  freundschaftlichen  Verkehres  ausser- 
halb der  Werkstatt,  in  welchem  er  es  liebte,  sich  ein- 
gehend über  künstlerische  Leistungen  alter  und  neuer 
Zeiten  zu  verbreiten,  so  dass  es  nicht  schwer  fiel  abzu- 
nehmen, was  er  aus  seinem  eigenen  Gebahren  mit 
Strenge  ausschloss. 

Marees  wurde  zu  seinen  Entwürfen  durch  Vorstell- 
ungen veranlasst,  welche  ihn  dauernd  beschäftigten  und 
welche  mit  der  Zeit  in’s  Leben  der  Gestaltung  drängten. 

Diese  Vorstellungen  beruhten  nicht  sowohl  auf  ein- 
zelnen Beobachtungen  als  vielmehr  auf  Beobachtungs- 
Reihen.  Sie  waren  desshalb  immer  allgemeiner  Natur 
und  ihr  Ausdruck  immer  typisch. 

Mit  anderen  Worten : Marees  unterdrückte  in  seinem 
inneren  künstlerischen  Haushalte  den  einzelnen  Fall 
gänzlich  zu  Gunsten  einer  Verschmelzung  mit  dem  Ganzen 
seines  persönlichen  Vorstellungsschatzes. 

Dafür  spricht  sein  Werk.  Unter  den  Arbeiten  seiner 
letzten  Lebensjahre  befindet  sich  weder  ein  Landschafts- 
noch  ein  Genre-Bild  als  solches,  überhaupt  kein  «mor- 
ceau  peint »,  wie  der  moderne  Franzose  sein  Lieblings- 
kind zu  nennen  pflegt.  Wo  er  biblische  oder  historische 
Stoffe  zum  Gegenstände  seiner  Darstellung  machte, 
waren  ihm  diese,  wie  bei  vielen  Künstlern  guter  Zeiten, 
ein  blosser  Vorwand  für  bildnerische  Gestaltungs-Vor- 
gänge. In  der  letzten  Zeit  hat  er  auch  seinen  Stoff  so 
frei  entwickelt  , dass  jede  Legende  überflüssig  wurde. 

Es  ist  in  seinem  Werke  weder  ein  Motiv  noch  ein 


3 


Einfall  nachzuweisen,  und  zwar  weder  in  dem  weiteren 
Sinne,  dass  gegenständliches,  rein  geistiges  oder  illustra- 
tives Interesse  zum  Ausgangspunkte  einer  Darstellung 
erhoben  oder  zu  derselben  herbeigezogen  worden  wäre, 
noch  in  dem  engeren,  bildnerischen  Sinne,  dass  einzelne 
Beobachtungen  oder  Erlebnisse,  oder  besondere  Er- 
scheinungsformen, wie  Licht-Effekte,  Stofflichkeit,  Far- 
benreiz, sein  Auge  vorherrschend  bestimmt,  seine  ge- 
staltende Thätigkeit  anhaltend  beschäftigt  hätten. 

Diese  eigenthümliche  künstlerische  Individualität 
halte  denn  auch  ihr  eigenthümliches  Verhältnis  zur 
Natur:  dasselbe  beruhte,  wenn  nicht  ausschliesslich,  so 
doch  wesentlich  auf  freier  Beobachtung. 

In  der  That  verhielt  sich  Marees  ausserhalb  der 
Werkstatt  unausgesetzt  beobachtend  und  man  kann  sagen, 
dass  der  Aufnahme-Prozess  des  Sehens,  welcher  das 
künstlerische  Vorstellen  nährt,  wo  er  immer  ging  und 
stand,  kaum  eine  Unterbrechung  erlitten  hat.  Seine  Auf- 
merksamkeit war  beständig  auf  die  ihn  umgebenden 
Dinge  gerichtet  und  es  war  oftmals  auffällig,  dass  ihn  die 
lebhaftesten  Gespräche  nicht  verhinderten  alle  Er- 
scheinung im  Auge  zu  behalten.  Das  beobachtende 
Schauen  war  bei  ihm  nicht  eine  besondere,  auf  gewisse 
Stunden  des  Tages  beschränkte,  auf  gewisse  Beize 
reagirende  Thätigkeit,  sondern  einfach  Alles,  sein  Leben. 
— « Sehen  lernen  ist  Alles  » pflegte  er  zu  sagen.  — 
Desshalb  war  ihm  auch  der  Aufenthalt  in  Italien,  dessen 
klare  Atmosphäre  zum  Sehen  erzieht  und  dessen  Be- 
wohner einen  natürlicheren  Verkehr  mit  Luft  und  Licht 
pflegen  als  wir  Hyperboreer,  zum  unabweislichen  Be- 
dürfniss  geworden. 


4 


Man  muss  annehmen,  dass  die  Art  dieses  stetig 
schauenden  Verhaltens  mit  der  ganzen  künstlerischen 
Entwicklung  Marees’  eine  Steigerung  und  eine  Ver- 
änderung im  Sinne  der  Auswahl  erfahren  hat.  Je  mehr 
er  nämlich  bestrebt  war,  seine  Gestaltungen  auf  das 
Normale  zusammenzudrängen,  desto  mehr  mochte  er 
auch  beobachtend  bemüht  gewesen  sein,  in  den  sich 
ihm  darbietenden  Gesichts-Eindrücken  das  Typische, 
Organische  zu  erfassen. 

Lehrend  hob  er  stets  hervor,  dass  aller  Anfang 
künstlerischer  Auffassung  in  dem  Erkennen  und  Heraus- 
lösen der  characteristischen  Grundformen  und  Gliede- 
rungen und  deren  Beziehungen  zum  natürlichen  Lichte, 
zum  nächsten  Raume  liege.  So  konnte  man  beispiels- 
weise oft  von  ihm  hören,  dass  derjenige  sich  vergeblich 
bemühen  werde  einen  Baum  künstlerisch  darzustellen, 
der  nicht  ein  für  allemal  erfasst  habe,  dass  der  Baum 
in  seiner  Haupt-Erscheinung  aus  Stamm  und  Krone 
bestehe,  und  dass  es  also  in  der  Darstellung  haupt- 
sächlich darauf  ankomme  wo  der  Baum  fusse,  wo  der 
Stamm  sich  in  die  Krone  umsetze  und  wo  die  Krone 
ihren  Abschluss  finde.  Das  anhaltend  beobachtende 
Studium  ergebe  dann  das  « Wie » , die  unzählbaren 
Modificationen , in  denen  dör  einzelne  Fall  das  allge- 
meine Erscheinungs-Gesetz  ausdrücke. 

Auch  darüber  pflegte  er  sich  im  Verkehre  auszu- 
sprechen, dass  das  beobachtende  Verhalten  des  Künstlers 
einer  gewissen  Disciplin  nicht  entbehren  könne.  Selbst 
in  der  liebevollsten  Hingebung  an  die  Natur,  meinte  er, 
in  der  höchsten  Begeisterung  für  ihre  Schönheiten 
dürfe  niemals  die  Herrschaft  des  Verstandes  über  die 
blosse  Empfindung  verloren  gehen. 


Persönlich  scheint  Marees  kraft  seines  auf  eine 
geschlossene  Lebensthätigkeit  gerichteten  Willens  den 
Antheil  der  Empfindung  an  den  Gesichts-Eindrücken 
so  stark  zurückgedrängt  zu  haben,  dass  sich,  namentlich 
in  seinen  letzten  Jahren,  die  Stunden  seiner  Müsse, 
was  ebenso  viel  heissen  will  wie  die  Stunden  beobach- 
tenden Umsichschauens , zu  einer  gewissen  Gleicli- 
werthigkeit  nicht  abgestumpft,  sondern  erhoben  und 
abgeklärt  hatten.  Indem  er  so  einzubüssen  schien,  was 
Vielen  als  der  einzige  Quell  künstlerischen  Gebahrens 
gelten  mag,  das  emotionelle  künstlerische  Erlebniss, 
gewann  er,  was  nur  den  Grössten  vergönnt  ist : die 
selbstständige,  von  aller  Zufälligkeit  freie  Gestaltungs- 
kraft. Es  lag  seinem  künstlerischen  Ernste  ferne,  den 
Augenblick  und  die  Gelegenheit  auszubeuten.  Was  ihm 
die  Gunst  der  Umstände  an  Eindrücken  bot,  ver- 
werthete  er  in  seiner  eigenen  Weise,  indem  er  das 
einzelne  Erlebniss  mit  bedachtem  Sinne  zu  jenem 
Schatze  künstlerischer  Erfahrungen  hinterlegte,  aus 
welchem  sich  schliesslich  glorreich  das  Ideal  erhebt. 


Alle  Figuren  aus  der  letzten  Entwicklungs-Periode 
Marees’  sind  unter  freiem  Himmel  vorgestellt.  Wie  ihm 
das  Leben  der  Menschen  in  geschlossenen  Räumen  als 
eine  Treibhaus-Existenz,  das  nordische  Klima  als  bar- 
barisch erschien,  so  suchte  er  auch  Mensch  und  Thier 
unter  freiem  Himmel  auf,  um  sie  in  ihrem  Verhältniss 
zu  anderen  natürlichen  Gegenständen,  zu  Luft  und  Licht 
zu  beobachten  und  in  ihrer  Erscheinung  zu  erfassen. 

Das  Modell  zum  Zwecke  eingehender  malerischer 


6 


Studien  in  die  künstliche  Umgebung  der  Werkstatt  zu 
zwängen,  erschien  ihm  als  Unnatur  und  als  falscher  Aus- 
gangspunkt des  Unternehmens. 

Ebenso  wenig  war  es  ihm  darum  zu  thun,  gegebene 
Situationen  als  solche  durch  zeichnerische  Notizen  fest- 
zuhalten ; denn  die  Erfahrung  zeigte  ihm , dass  die 
directe  Benutzung  sogenannter  Motive  die  freie  künstle- 
rische Gestaltung  nur  irre  zu  leiten  und  zu  beeinträch- 
tigen vermöge. 

Seine  Schüler  hat  er  zum  Behufe  des  Studiums 
von  freier  Landschaft,  namentlich  was  Pflanzen-Detail 
anbelangt,  an  die  Arbeif  vor  der  Natur  gewiesen.  Das 
geschah  aber  selten  und!  zwar  nur  dann,  wenn  ihm  die 
Unzulänglichkeit  der  Vorstellung  auffiel.  Auf  Anweis- 
ungen hiezu  oder  besonderen  Unterricht  darin  hat  er 
sich  nicht  eingelassen ; er  überliess  vielmehr  jedem 
Einzelnen,  in  diesem  Theile  seiner  Naturanschauung  mit 
sich  selbst  in’s  Reine  zu  kommen. 

Das  Auge  durch  Beobachtung,  den  Willen  durch 
Goncentrirung  der  Aufmerksamkeit  zu  schulen,  galt  ihm 
also  als  das  vorzüglichste  Mittel  sich  des  Natur-Reieh- 
thumes  dauernd  zu  versichern. 

Indessen  hat  er  sich  -nicht  auf  verblassende  Erin- 
nerungen verlassen,  sondern  zahlreiche  Uebungen  an- 
gestellt , Gesehenes  zu  fixiren  und  seinem  innerlichen 
Schatze  an  Figur  einzuverleiben. 

Er  füllte  zu  gewissen  Zeiten  wohl  Hunderte  von 
Blättern  mit  Zeichnungen  an,  welche  zu  diesem  Zwecke 
angefertigt  waren.  Beim  Vergleiche  solcher  in  kurzer 
Frist  entstandener  Studien-Blätter , wie  er  sie  unter 
Anderem  auch  lehrend  zeichnete  und  die  beinahe  aus- 


/ 


7 


nalmislos  menschliche  Gestalten  und  allerhand  Gethier 
zum  Gegenstände  hatten,  ist  zumeist  eine  bestimmte 
Absicht  deutlich  erkennbar.  Bald  handelte  es  sich  darum, 
über  allgemeine  Massen-  und  Grössen-,  Richtungs-  und 
Licht-Verhältnisse,  bald  darum,  über  Formen-Gestaltung 
im  Einzelnen  klar  zu  werden.  — Auch  das  Nachzeichnen 
von  Stichen  oder  Handzeichnungen  soll  er  in  seiner  Jugend 
in  solcher  Absicht  betrieben  haben.  — In  einer  späteren 
Periode  hat  er,  wie  er  nachmals  auch  von  seinen 
Schülern  verlangte,  selten  unterlassen,  Zeichnungen, 
die  er  nach  der  Natur  angefertigt  hatte,  nach  kürzerer 
oder  längerer  Zeit  frei  aus  der  Vorstellung  zu  wieder- 
holen. Einer  Figur  suchte  er  stets  von  allen  Seiten  her 
habhaft  zu  werden.  Hatte  er  beispielsweise  eine  be- 
stimmte Ansicht  gezeichnet,  so  forderte  er  von  sich  die 
Vorstellung  derselben  Figur  in  einer  anderen  Ansicht 
oder  in  anderer  Beleuchtung. 

Solche  Uebungen  mussten  nothwendig  das  intelli- 
gente Sehen  und  Beobachten  fördern,  indem  sie  die 
Aufmerksamkeit  auf  das  in  der  Natur  plastisch  Vorge- 
bildete lenkten ; sie  mussten  ferner  die  Mängel  der 
persönlichen  Vorstellung  schonungslos  aufdecken , den 
Wunsch  nach  Ausfüllung  der  Lücken  dringender  macheir, 
und  so  unmittelbar  und  mittelbar  auf  die  Nützlichkeit 
und  Ergiebigkeit  des  Natur-Studiums  hinwirken. 


Zeichnungen  nach  der  Natur  hat  Marees  in  unge- 
zählter Menge  in  der  Werkstatt  angefertigt. 

Das  Verhalten  der  Körper  unter  freiem  Lichte  war 
ihm  ein  Beleuchtungs-Problem ; das  farbige  Verhalten 


der  Dinge  im  Allgemeinen  erschien  ihm  so  stark  von 
gewissen  Gesetzen  der  Beziehung  abzuhängen,  dass  die 
Darstellung  jedes  einzelnen  Falles  der  künstlerischen 
Entwicklung  im  Bilde  bedürfe.  Desshalb  verwies  er  das 
Studium  beider , des  freien  Lichtes  sowohl  wie  der 
Coloration  im  Allgemeinen,  auf  die  Beobachtung.  Wohl 
auch  mag  ihm,  wenn  er  Mal-Studien  vor  der  Natur 
überhaupt  unterliess,  die  Erfahrung  vorgeschwebt  haben, 
dass  keine  künstlerische  Fähigkeit  so  sehr  auf  ange- 
borener persönlicher  Begabung  beruht,  also  durch 
Studien  so  wenig  zu  erringen  ist  wie  die  coloristische. 
Die  Führung  (modele)  des  Lichtes  und  die  damit  auf 
das  Engste  zusammenhängende  Farbengebung  waren 
ihm  die  freiesten  Aufgaben  seiner  freien  Kunst,  und 
die  einzig  richtige  und  wichtige  Grundlage  für  beide 
war  ihm  das  Studium  der  Form. 

Dieses  ist  es  nun  geradezu  ausschliesslich  was 
Marees  durch  das  Zeichnen  nach  der  Natur  zu  fördern 
suchte,  und  desshalb  wählte  er  zu  solchen  Studien 
Papier  und  Stift  und  niemals  die  Hilfsmittel  der 
Malerei. 

Das  Zeichnen  nach  der  Natur  war  denn  auch  ein 
wahrhaftiges  Studium  für  ihn,  d.  h.  er  betrieb  es  in 
erster  Linie  um  des  daraus  hervorgehenden  Vorstellungs- 
Besitzes  willen  und  legte  den  Blättern  selbst  nur  in- 
soferne  Werth  bei,  als  die  besonders  hiezu  angefertigten 
während  des  Malens  am  Bilde  dem  sich  erneuernden 
Vorstellungs-Prozesse  dienen,  ihn  an  die  Natur  erinnern 
sollten.  Beweis  dessen,  dass  er  diese  Zeichnungen, 
ebenso  wie  anderweitige  Studien-Blätter,  Skizzen  und 
Entwürfe,  die  sich  massenhaft  in  der  Werkstatt  an- 


9 


sammelten,  von  Zeit  zu  Zeit  ohne  Weiteres  verbrannte, 
so  dass  das  Wenige,  was  davon  vorhanden  ist,  nur 
durch  Zufall  erhalten  blieb.  Zeichnungen,  pflegte  er  zu 
sagen,  sind  nur  für  den  Künstler  selbst  da,  und  allen- 
falls für  diejenigen,  die  er  an  seinem  inneren  Prozesse 
Theil  nehmen  lassen  will.  Die  Alten  würden  sich  dafür 
bedanken , wenn  sie  wüssten , dass  man  die  ihrigen 
aufgehoben  hat  um  alle  möglichen  irrigen  Schlüsse 
daraus  zu  ziehen. 

Marens’  Zeichnungen  nach  der  Natur  weisen  denn 
auch  je  nach  der  Absicht  ihres  Urhebers  hinsichtlich 
der  Behandlung  und  des  Grades  der  Ausführung  grosse 
Verschiedenheiten  auf.  Eines  aber  ist  allen  gemeinsam : 
das  deutlich  hervortretende  Aufsuchen  und  Bestimmen 
der  grossen  Verhältnisse,  des  typischen  Baues,  der 
organischen  Form.  Dieses  Bestreben  ist  so  ausschliess- 
lich, dass  auch  hier  auf  Stofflichkeit  fast  gar  keine 
Bücksicht  genommen  wird.  Was  am  nackten  Körper 
fleischig  wirkt,  schien  ihm  durch  die  Form  bedingt ; 
denn  weiche  und  häutige  Theile  der  Körper-Oberfläche 
zeigen  andere  Formen  als  muskulöse  und  knochige.  So 
geschah  es,  dass  Marees  in  dem  blossen  Aufsuchen  der 
Formen  mit  dem  Stifte  mitunter  ganz  ausserordentlich 
fleischig  gezeichnet  hat. 

Man  hat  unter  Malern  stehende  Ausdrücke  für 
gewisse  künstlerische  Seiten  einer  guten  Akt-Zeichnung. 
Einer  dieser  Ausdrücke  ist  « empfunden ».  Er  wird 
angewendet  für  liebevoll  behandeltes  Detail,  für  starkes 
Stoffgefühl  etc.  Marees  Zeichnungen  verdienen  dieses 
Prädikat  in  hohem  Grade.  Er  zeichnete  Alles,  was  er 
überhaupt  zeichnete,  mit  Gefühl ; aber  das  lag  in  seiner 


10 


stark  empfindenden  Natur  und  das  war  es  nicht,  was 
er  im  Studium  aufsuchte.  Lehrend  bezeichnete  er  unklare 
Gefühls- Ausdrücke  als  Empfindelei,  die  zu  nichts  führen. 

« Verstanden  » ferner  wird  eine  Formendarstellung 
genannt,  die  einerseits  den  organischen  Zusammenhang 
deutlich  macht  und  andererseits  die  plastischen  Formen- 
Elemente,  also  die  Pläne  und  Flächen  mit  ihren  Abgren- 
zungen, Verkürzungen  und  Ueberschneidungen  hervor- 
hebt. «Gross  gesehen»  sagt  man  wohl  auch,  wenn, 
unter  Aufopferung  unwesentlicher  Einzelheiten,  die  allge- 
meinen Verhältnisse  festgehalten  und  anschaulich  darge- 
stellt sind.  Und  das  war  es  denn  hauptsächlich,  worauf 
Marees  beim  Zeichnen  ausging  und  was  er  unermüdlich 
lehrte. 

Es  ist  natürlicherweise  nicht  möglich , den  Unter- 
richt, den  er  beim  Zeichnen  vor  der  Natur  ertheilte, 
durch  Erzählen  wiederzugeben.  Es  sei  aber  versucht, 
gewisse  Gesichtspunkte  darzulegen,  welche  in  diesem 
Unterricht  regelmässig  wiederkehrten. 

Zum  Beginne  sagte  er  öfters : « Wir  wollen  nun 
dies  Blatt  Papier  mit  so  wenig  Mitteln  als  möglich 
derart  modificiren,  dass  es  uns  eine  verlässliche  Erin- 
nerung an  diese  Figur  möglich  machen  soll »,  — oder 
«dass  es  uns,  wenn  wir  später  darnach  malen,  die 
Illusion  des  natürlichen  Körpers  gibt ». 

Dann  gewöhnlich : « so  eine  Figur  ist  eigentlich 
ausserordentlich  einfach ; man  braucht  nur  nichts  Ueber- 
tlüssiges  oder  Unverstandenes  zu  machen,  dann  wird 
sie  auf  dem  Papier  auch  einfach  und  deutlich  werden». 

Indem  er  nun  anliub  die  Figur  in  grossen  allge- 
meinen Umrissen  zu  skizziren  resp.  in  den  Raum  des 


11 


Blattes  zu  bringen,  begleitete  er  sein  Thun  mit  Erklär- 
ungen, welche  man  in  ihrem  Zusammenhang  als  Formen- 
Anatomie  bezeichnen  könnte.  Es  war  eine  Art  natürliche 
Anatomie,  die  er  lehrte,  weil  er  zeichnend  demonstrirte, 
« wie  der  Körper  organisch  gebaut  sei ».  Es  war  aber 
wieder  nicht  sowohl  diese  Organisation  um  derentwillen 
er  zeichnete,  sondern  die  spezielle  Modification  der 
Formen,  in  welchen  jener  organische  Bau  sich  dem 
Auge  darstellte.  Er  fragte  offenbar : wie  drückt  sich  in 
diesem  Individuum,  in  dieser  Stellung,  in  diesem  Lichte 
die  allgemeine,  typische,  organische  Form  für  das  Auge 
aus?  Und  diese  Frage  legte  er  sich  während  des 
Zeichnens  beständig  von  Neuem  vor. 

Was  ihn  zuerst  beschältigte , waren  die  Volumina 
und,  aus  ihnen  fliessend,  die  grossen  Massen-  und 
Richtungs-Verhältnisse  aufgefasst  in  ihren  Beziehungen 
zum  einfallenden  Lichte.  Er  liebte  hierbei  den  ganzen 
Körper  und  seine  Theile  auf  einfache,  constante  Formen 
zurückzuführen.  Nicht  dass  er  hiezu,  wie  man  es  bei 
Dürer  findet,  geradezu  geometrische  Formen  gewählt 
hätte;  aber  er  sagte  oft,  dass  der  menschliche  Kopf 
einer  Kugel  zu  vergleichen  sei,  die  auf  einer  kurzen 
Säule,  dem  Halse,  aufruhe,  und  die  Beine  nannte  er 
immer  die  Säulen. 

Auf  gewisse  akademische  Regeln  von  Statik  und 
Proportionen  hat  er  nicht  viel  gehalten;  er  überliess 
sich,  gerade  weil  er  die  Feinheit  dieser  Bestimmungen 
kannte,  jedesmal  von  Neuem  dem  gegebenen  Eindrücke, 
notirte  also  zu  Beginn  der  Zeichnung  Fusspunkte  und 
Endigungen  der  Glieder  von  Gelenk  zu  Gelenk  im 
Allgemeinen,  um  später  höchst  eingehend  darauf  zurück- 
zukommen. 


12 


Gliederungen  und  Gelenke  waren  es  nun  ganz  be- 
sonders, mit  denen  er  sich  zu  beschäftigen,  welche  zu 
erläutern  er  nicht  müde  wurde.  Und  zwar  vorwiegend 
wegen  ihres  bestimmenden  Einflusses  auf  Lage  und 
Auflängen  des  Lichtes.  Er  erklärte  beispielsweise,  dass 
der  Rumpf  des  menschlichen  Körpers  in  Folge  des 
Mangels  an  Articulationen  eine  geschlossene  Masse  dar- 
stelle, deren  einzelne  Theile  nothwendig  immer  unter 
ähnlichen,  d.  i.  nur  wenig  abgeänderten  Beziehungen 
zum  Lichte  stehen  müssen.  Der  Torso  als  ein  in  sich 
Geschlossenes,  ist  in  der  Formen-Darstellung  auch  als 
ein  Rundes,  Gewölbtes  zu  behandeln,  der  also  auch 
immer  nur  ein  grosses  Licht,  und  grosse,  zusammen- 
hängende Wölbungspläne  (Halbtöne,  Rundungsschatten) 
aufweisen  wird.  In  dem  Gelenke  des  Halses  und  der 
Glieder  dagegen  ist  mit  der  Bewegungsfähigkeit  die 
Gelegenheit  zu  Richtungs-  und  Lage-Veränderungen 
gegeben,  und  indem  man  beispielsweise  den  Arm  im 
Ellbogen-Gelenke  im  rechten  Winkel  biegt,  setzt  man 
den  Unter-  und  den  Oberarm  in  zwei  Verhältnisse  zum 
einfallenden  Lichte,  welche  sich  unter  Umständen  in 
den  Gegensatz  von  höchstem  Licht  zu  tiefstem  Schatten 
stellen  können.  Deshalb  bestimmt  sich  die  grosse  Anlage 
des  auf  den  Körper  einfallenden  Lichtes,  namentlich 
unter  freiem  Himmel,  stets  und  in  auffälliger  Weise 
nach  Massgabe  der  Rumpfstellung  und  der  Hauptgelenke. 
An  einer  aufrechtstehenden  Figur  mit  frei  aus  der 
Schulter  herabhängenden  Armen  theilt  sich  das  von 
oben  einfallende  Licht  zwischen  Scheitel,  Schultern  und 
oberer  Wölbung  des  Brustkastens;  alles  andere  steht 
in  wenig  modifizirtem  Halbtone,  aber  geringe  Ab  weich- 


13 


ungen  aus  der  Richtung  genügen,  um  stark  hervor- 
tretende Lichter  zu  verursachen ; ein  aus  dem  Ellbogen 
wenig  gehobener  Unterarm , ein  wenig  nach  vorne  ge- 
brachtes Knie  kann  nun  die  halbe  oder  ganze  Extremität 
in  Beleuchtungs-Bedingungen  setzen,  welche  gegen  die 
der  Masse  erheblich  abweichen.  — Wie  im  Grossen 
wirkt  die  Bewegungs-Fähigkeit  der  Gelenke  im  Einzelnen: 
ganze  Theile  der  Extremitäten  schliessen  sich  bald  der 
einen,  bald  der  anderen  Hälfte  der  Massen  an,  welche 
sie  trennen.  — In  den  Gelenken  ist  endlich  die  Ober- 
fläche des  menschlichen  Körpers  am  reichsten  und  feinsten 
differenzirt.  Gut  dargestellte  Gelenke  bekunden  den 
Meister  und  sind  denn  auch  selten  anzutreffen : Michel- 
Angelo  ist  darin  unerreicht. 

Sobald  also  Maröes  die  ersten  Umrisse  angeordnet 
hatte,  suchte  er  mit  dem  Stifte  zunächst  die  Gelenke 
auf,  um  die  Anschlüsse  welche  dem  organischen  Zusam- 
menhang der  Theile  Ausdruck  geben,  näher  zu  bestim- 
men und  so  Kopf  und  Glieder  in  das  richtige  Verhältnis 
zum  Rumpfe  zu  setzen.  Dies  geschah  indess  noch  nicht 
in  endgiltiger  Weise ; denn  alle  Contur  war  ihm  nichts 
als  Massen-Abgrenzung ; die  Masse  musste  also  durch 
Modellirung  entwickelt  werden,  ehe  sie  ihre' feste  Grenze 
erhielt. 

Bei  diesen  allgemeinen  Angaben  führte  ihn  der 
Zusammenhang  von  selber  zu  jenen  Abschnitten,  welche 
an  der  grossen  Masse  des  Rumpfes  zu  unterscheiden 
sind.  Zur  Erläuterung  dieser  anscheinend  selbstverständ- 
lichen , doch  nicht  leicht  darzustellenden  Verhältnisse 
pflegte  er  eingehende  anatomische  Betrachtungen  anzu- 
stellen. Solche  betrafen  beispielsweise  den  organischen 


14 


Zusammenhang  der  Arme  und  Schultern  mit  den 
Schlüsselbeinen,  vermittelst  welcher  sie  an  den  Rumpf 
angehängt  sind ; die  Massen-Verhältnisse  des  Brust- 
kastens, die  Auffassung  der  Lenden-Gegend  als  Ursprung 
der  unteren  Extremitäten,  u.  dgl.  m.  Besonders  ein- 
gehend befasste  er  sich  mit  dem  Halse  und  studirte  bei 
jedem  Anlasse  mit  grösster  Aufmerksamkeit  den  Kopf- 
Aufsatz,  dessen  Wichtigkeit  für  alle  Ausdrucks-Bewegung 
er  immer  wieder  hervorhob. 

War  die  Figur  in  dieser  Art  von  oben  nach  unten 
durchgegangen,  so  begann  Maröes  mit  breiten  Strich- 
lagen die  Pläne  und  Rundungsschatten  der  Haupt- 
Massen  anzugeben. 

Das  Wort  Strichlagen  erfordert  eine  nähere  Erör- 
terung. 

Maröes  zeichnete  am  liebsten  mit  natürlichem  Röthel, 
seltener  mit  weichem  Blei  auf  weissem  oder  grauem 
Handpapier.  Er  hielt  den  Stift  mit  den  Fingerspitzen 
ohne  Anlegen  an  die  Mittelhand  und  führte  ihn  frei  aus 
der  Schulter.  Das  war  einer  der  wenigen  praktisch- 
technischen Winke,  auf  die  er  hielt  und  die  er  oft  wie- 
derholte. Er  sah  darin  eine  wesentliche  Unterstützung 
zur  Vermeidung  von  Kleinlichkeiten  und  namentlich  des 
Schönzeichnens,  das  ihm  gequält  und  ausdruckslos  er- 
schien und  verhasst  war.  Wenn  er  nun  selber  zum 
Zwecke  der  Modellirung  Strichlagen  führte,  so  geschah 
dies  so  frei  und  leicht,  dass  sofort  die  Formen-Illusion 
unter  Anklingen  der  Stofflichkeit  (Festigkeit,  Weichheit) 
hervorgebracht  wurde.  Nicht  leicht  lagen  die  einzelnen 
Striche  parallel,  noch  waren  sie  gerade,  noch  ge- 
schwungen; ihre  Richtung  folgte  den  natürlichen  Run- 


15 


düngen ; ihre  Kürze  oder  Länge  entsprach  den  Plänen 
ohne  sie  allzu  genau  abzugrenzen,  und  durch  das  wie- 
derholte Uebergehen,  dessen  einzelne  Phasen  nie  etwas 
Ueberflüssiges  oder  Unverstandenes  enthielten,  entstand 
ein  so  reich  nuancirtes  Netz  von  Linien,  dass  das  Auge 
nur  mehr  Formen  und  keine  Zeichnung  sah. 

Vor  mancherlei  Klippen  hat  er  in  dieser  Beziehung 
gewarnt : vor  allem  Malen  und  Schummern  mit  dem 
Stifte , vor  zu  dunklem  und  zu  abgetontem  Zeichnen 
(Schwarzkünstelei),  vor  Schraffiren  und  peinlichem  Mo- 
delliren, vor  zu  rundlichen  und  zu  eckigen  Abgrenzungen, 
mit  einem  Worte  vor  aller  Mache,  vor  allem  Zeichnen 
um  des  Zeichnens  willen.  Verständniss  und  klare  An- 
schauung sollten  den  Stift  des  Zeichners  leiten  und  dann 
etwa  noch  die  Erinnerung,  dass  es  sich  beim  Studien- 
zeichnen nach  der  Natur  nicht  um  künstlerische  Resul- 
tate handle , sondern  nebst  dem  Gewinn  für  die  eigene 
künstlerische  Entwicklung,  um  das  Zustandekommen 
verlässlicher,  beim  Malen  benutzbarer  Anschauungs- 
Behelfe. 

Aus  der  allgemeinen  Figuren-Anlage  entwickelte 
Marees  durch  wiederholtes  Uebergehen,  welches  immer 
im  Ganzen  von  oben  herab  erfolgte  und  nie  zu  lange 
an  einer  Stelle  verweilte,  das  Formen-Detail.  Er  hat 
hiebei  wenig  von  dem  bereits  Gezeichneten  entfernen 
müssen  ; denn  er  war  an  das  Sparen  der  Mittel  gewöhnt, 
zeichnete  also  anfänglich  fein  und  leicht  und  reservirte 
den  festen,  bestimmenden  Accent  für  die  letzte  Hand. 

Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  die  Einzelheiten 
des  Verfahrens  in  der  Ausübung  nicht  so  streng  ge- 
schieden waren,  als  man  dies  etwa  aus  obigen  Angaben 


16 


schlossen  könnte.  Marees  hielt  das  geschilderte  Ver- 
fahren im  Allgemeinen  ein,  besonders  wenn  er  zeichnend 
lehrte;  bei  eigenen  Arbeiten  aber  verfuhr  er  verschieden. 
Oft  verweilte  er  unter  Vernachlässigung  skizzirter 
Figuren-Theile  bei  organischen  Gliederungen  um  deren 
Studium  es  ihm  eben  besonders  zu  tliun  war ; oft  auch 
führte  er  die  ganze  Studie  nicht  über  die  Anordnung 
und  den  Zusammenhang  des  grossen  Ganzen  hinaus ; 
das  geschah  namentlich  in  den  letzten  Jahren  wo  er 
bezüglich  der  Durchführung  seinem  Vorstellungs-Reich- 
thume  trauen  durfte. 

An  die  Lehr-Zeichnung  knüpfte  er,  ausser  den  sein 
Thun  erläuternden  Bemerkungen,  allerlei  sachliche,  die 
Kunstthätigkeit  im  Engeren  und  Weiteren  und  namentlich 
die  Beobachtung  betreffende  Gespräche.  So  geschah  es 
häufig,  dass  er  zu  der  Studie,  welche  im  Gange  war, 
Rand-Zeichnungen  machte,  welche  dieselbe  Figur  oder 
Theile  derselben  unter  anderen  Verhältnissen  darstellten, 
oder  in  demselben  Verhältnisse  unter  Hervorhebung 
anderer  Gesichtspunkte  wiederholten.  Zuweilen  zeichnete 
er  eine  weibliche  Figur  neben  eine  männliche,  ein  Kind 
neben  Erwachsene,  um  zum  vergleichenden  Formen- 
Studium  aufzufordern.  Grundlegend  für  das  Verständniss 
der  Lernenden  waren  die  Unterschiede  in  Haltung  und 
Bewegung,  welche  er  bei  solchen  Gelegenheiten  zeichnend 
darlegte,  ebenso  typische  Formen-Unterschiede,  die  in 
jedem  einzelnen  Falle  erkennbar  bleiben  und  worauf 
die  Aufmerksamkeit  immer  wieder  zurückgeleitet  werden 
soll. 

Was  das  Modell  angeht,  war  Marees  nicht  anspruchs- 
voll. In  Ermangelung  schöner  Individuen  begnügte  er 


17 


sich  auch  mit  unvollkommenen  Modellen , da  er 
sich  gewöhnt  hatte,  aus  dem  so  wenig  missbildeten 
italienischen  Menschenschläge  natürliche  und  einfache 
Typen  und  Schönheiten  herauszu lesen.  Aus  der  Unter- 
ordnung unter  die  gegebenen  Umstände  und  aus  der 
liebevollen  Hingabe  an  das  gebotene  Wenige  entspringe 
oft  mehr  Nutzen,  als  aus  der  ausschliesslichen  Verwen- 
dung auserlesener  Vorbilder.  Es  kam  vor.  dass  er  mit 
Widerwillen  nach  einem  Modelle  zu  zeichnen  begann 
und  sich  schliesslich  für  dessen  Schönheit  oder  Deut- 
lichkeit begeisterte.  Er  forderte  auch  niemals  die  genaue 
Wiedergabe  einer  beabsichtigten  Stellung  des  Körpers. 
Dem  intelligenten  Modelle  erklärte  er  meist  die  darzu- 
stellende Handlung  oder  Bewegung;  andernfalls  gab  er 
dieselbe  allgemein  an,  liess  das  Modell  gewähren  und 
richtete  sich  darnach  ein.  Er  verabscheute  den  Zwang, 
welcher  natürliche  Bewegungen  verkünstelt  und  zog 
Personen,  welche  wenig  oder  gar  nicht  Modell  ge- 
standen, den  Berufs-Modellen  vor. 

Die  zum  Zeichnen  nach  der  Natur  verwendete  Zeit 
wollte  Maröes  weit  eher  kurz  zusammengefasst  als  lang 
ausgedehnt  wissen.  Goncentration  sei  dem  Hinaus- 
schleppen vorzuziehen,  das  so  leicht  zu  Pfuschereien 
führt.  Seinen  Schülern  beschränkte  er  das  Modell  auf 
höchstens  einen  halben  Tag.  Er  selber  zeichnete  an 
den  durchgeführtesten  Studien  in  den  letzten  Jahren 
selten  länger  als  eine  Stunde. 


Zu  den  Naturstudien  gehörten  auch  die  Zeichnungen, 
welche  Marees  als  Grundlage  für  Portrait s anfertigte. 

2 


18 


Er  verfuhr  mit  Bildnissen  im  Allgemeinen  wie  mit 
anderen  Darstellungen,  soweit  solches  unter  den  Ein- 
schränkungen möglich  ist,  welche  in  der  Aufgabe  liegen. 
Es  handelte  sich  also  auch  hier  um  die  künstlerische 
Entwicklung  einer  Vorstellung,  allerdings  mit  der 
Forderungeines  gewissen  Parallelismus  der  Erscheinungs- 
Formen  von  Natur  und  Kunstwerk,  welchen  man  schlecht- 
hin mit  Portrait- Aehnlichkeit  bezeichnet. 

Für  das  Bildniss  einer  einzelnen  Person  war  der 
Ausgangspunkt  bestimmt  gegeben.  Dauernde  Beobach- 
tung, zu  welcher  der  gesellschaftliche  Verkehr  Gelegen- 
heit hot,  war  indess  auch  hier  die  breite  Grundlage  der 
beginnenden  künstlerischen  Thätigkeit,  und  die  Zeich- 
nung ihre  natürliche  Fortsetzung,  indem  sie  zum  Zwecke 
hatte,  die  Bekanntschaft  mit  den  Erscheinungs-Formen 
im  Ganzen  und  Einzelnen  so  klar  und  bestimmt  festzu- 
stellen , dass  eine  verlässliche  Basis  für  das  später  an- 
zuordnende und  malerisch  zu  bearbeitende  Bild  gewon- 
nen wurde. 

Es  sei  also  hier  nur  angeführt,  dass  Maröes  bei 
Portrait-Zeichnungen  die  Absicht  festhielt,  die  Modifica- 
tion  oder  Abänderung  zu  studiren,  welche  die  typische 
Erscheinung  des  menschlichen  Kopfes  in  dem  individua- 
lisirten  Falle  erfahren  hat.  Abermals  suchte  er  also  das 
Schwergewicht  der  Darstellung  in  den  Massen-Verhält- 
nissen  und  Haupt-Gliederungen,  und  gelangte  aus  diesen 
Prinzipien  von  selbst  zum  eingehenden  Studium  des 
Knochenbaues,  welcher  im  menschlichen  Schädel  eine 
so  reiche  und  zugleich  für  die  Aehnlichkeit  bestimmende 
Differenzirung  zur  Schau  trägt.  Seine  Aufmerksamkeit 
richtete  sich  denn  vorwiegend  auf  Lage  und  Aufbau  des 


19 


Kopfes  auf  der  Wirbelsäule,  — Kopf-  und  Hals- Aufsatz 
— weiterhin  auf  die  Verhältnisse  des  Schädels  zu  den 
Gesichtsknochen  und  Knorpeln,  vorzüglich  zum  Kinn- 
backen und  dessen  Gelenken , und  ganz  besonders  auf 
die  Nasenwurzel,  welche  er  im  Zusammenhänge  mit  den 
Backenknochen  als  den  eigentlichen  Schlüsselpunkt  des 
menschlichen  Antlitzes  bezeichnete. 

Auf  die  Angabe  der  grossen  Verhältnisse  folgte  auch 
hier  die  Behandlung  der  Volumina  in  Beziehung  zum 
einfallenden  Lichte,  waraus  sich  hei  wiederholtem  Ueber- 
gehen  im  Ganzen  die  Einzelheiten  entwickelten. 


Nächst  den  Zeichnungen  nach  der  Natur  hat  Marees 
eine  ausserordentlich  grosse  Zahl  von  Skizzen  zu 
Bildern  angefertigt. 

Schon  die  Skizzen  zu  bestimmten  einzelnen  Bildern 
oder  zu  Beihen  zusammengehöriger  Bilder  waren  stets 
sehr  zahlreich ; auch  für  seine  Schüler,  Bildhauer  sowohl 
als  Maler,  hat  er  deren  viele  gezeichnet.  Dieselben 
zeigen  nicht  etwa  blos  den  Keim,  sondern  schon  eine 
reiche  Entwicklung  der  grundlegenden  Vorstellungen. 
Sie  sind  zum  grössten  Theile  nicht  zur  Ausführung  ge- 
kommen, theils  wegen  äusserer  Umstände,  theils  wegen 
der  Coneurrenz  der  vielen  Entwürfe  seihst,  zumeist  aber 
weil  Marees,  im  Suchen  nach  einem  rein  bildnerischen 
Gestaltungs-Prinzipe  für  die  Malerei,  während  der  Fort- 
bildung manches  Entwurfes  erkennen  mochte,  dass  der- 
selbe sich  zu  einem  klaren  Ausdrucke  seiner  Ideen  nicht 
vollends  eigne,  und  desshalb  die  weitere  Durchführung 
unterliess. 


20 


Welchen  fundamentalen  Werth  Marees  selbst  diesen 
Skizzen  beilegte,  erhellt  aus  dem  Umstande,  dass  die 
ersten  Uebungen,  welche  er  seine  Schüler  anstellen 
liess,  unter  Anderem  in  dem  Copiren  seiner  Entwürfe 
bestanden.  Er  verwendete  sie  also  als  Lehrmittel  zur 
Einführung  in  seine  künstlerischen  Ideen  und  widmete 
sich  bei  Durchsicht  dieser  Arbeiten  der  eingehendsten 
Besprechung  und  erklärenden  Auseinanderlegung  der 
leitenden  Prinzipien. 

Nach  vielseitigen  Versuchen  aller  Art  hatte  Marees 
seit  dem  Beginne  seines  italienischen  Aufenthaltes  alle 
seine  Kräfte  auf  die  bildnerische  Darstellung  der  mensch- 
lichen Figur  concentrirt.  Neben  ihr  findet  sich  in  seinen 
Werken  mancherlei  Gethier,  am  häufigsten  das  Boss, 
« der  homerische  Begleiter  des  Mannes  ». 

Die  Figur  war  also  der  Ausgangspunkt 
aller  seiner  Entwürfe. 

Die  isolirte  malerische  Darstellung  einer  einzelnen 
Figur  bezeichnete  Marees  als  die  höchste  Aufgabe, 
welche  der  Künstler  sich  stellen  könne;  dies  erfordere 
die  grösste  Meisterschaft.  « Dazu  möchte  ich  gelangen 
eine  einzelne  Figur  con  amore  durchzuführen ; hiezu  ge- 
hören aber  viele  ruhige  Jahre  ».  Das  Einfachste  galt 
ihm  also  als  das  Schwerste.  Er  scheint  angenommen 
zu  haben,  dass  bei  der  Darstellung  mehrerer  Figuren 
auf  einem  Bilde  die  Beziehung  derselben  untereinander 
und  zum  anliegenden  Raume  manches  zur  Anschaulich- 
keit und  zur  Erleichterung  der  Durchführung  beitrage. 
Wie  dem  immer  sei,  wirklich  dargestellt  hat  er  vor- 
wiegend mehrere  Figuren  im  ersten  Plane  des  Bildes, 
welchen  sich  dann  noch  andere  im  zweiten  und  dritten 
Plane  zugesellten. 


21 


In  allen  diesen  Fällen  aber  ist  er  mit  der  Erfindung 
von  einer  Figur  ausgegangen,  und  dieser  Umstand 
weist  deutlich  darauf  hin,  dass  ihn  bei  diesem  schwie- 
rigen Geschäfte  ausschliesslich  das  plastische  Bil- 
dungs-Prinzip leitete. 

Für  Maröes  bestand  auch  der  Unterschied  zwischen 
Sculptur  und  Malerei  lediglich  in  ihren  Mitteln.  Form- 
vollendete Darstellung  galt  ihm  als  der  Endzweck  Beider, 
nur  dass  der  Bildhauer  seine  Vorstellungen  an  den 
plastischen  Formen  selbst,  im  Baume  und  unter  Zuhilfe- 
nahme des  räumlich  verbreiteten  Lichtes  entwickelt, 
während  der  Maler  den  Raum  und  das  Licht  auf  der 
Fläche  mitzuschaffen  habe.  Die  Farbe  an  sich  war  es 
also  nicht,  was  für  ihn  den  Maler  ausmachte,  sondern 
die  Farbe  als  Mittel  zur  Formen-Gestaltung  und  Raum- 
bildung. Wegen  dieses  Hinzutretens  der  Raum-Darstellung 
auf  der  Fläche  und  des  daraus  hervorgehenden  Um- 
setzungs-Prozesses plastischer  Vorstellungen  nannte  er 
die  Kunst  des  Malers  wohl  auch  die  geistreichere, 
erfindungsvollere. 

Die  erste  Arbeit,  welche  Marees’  bei  einem  Ent- 
würfe vornahm,  war  denn  die  zeichnerische  Entwicklung 
seiner  Vorstellung  von  einer  einzelnen  Figur.  Indem  er 
diese  Vorstellung  aus  sich  hinaus  zu  setzen  begann, 
warf  er  die  Figur  vorerst  in  derselben  Weise  auf  das 
Blatt,  wie  er  sie  nach  der  Natur  gezeichnet  hätte. 
Sobald  aber  die  allgemeinen  Abgrenzungen  angegeben 
waren,  richtete  sich  seine  ganze  Aufmerksamkeit  sofort 
auf  gewisse  normale  Beziehungen  des  bildnerischen 
Ausdruckes.  Gesetzt  es  handelte  sich  um  eine  aufrecht 
stehende  männliche  Figur : dass  diese  Figur  auch  in 


22 


überzeugender  und  unzweifelhafter  Weise  stehe,  schien 
ihm  die  erste  und  wichtigste  Aufgabe  der  Darstellung 
zu  sein. 

Dies  zu  bewirken  suchte  er  zunächst  in  der  Figur 
selbst  diejenigen  Erscheinungs-Bedingungen  zu  ent- 
wickeln, welche  das  Stehen  der  Figur  besonders 
deutlich  machen.  Beobachtung  und  Naturstudium  hatten 
ihn  in  den  Stand  gesetzt,  nunmehr  frei  gestaltend  zu 
verfahren  und  aus  seinem  innern  Schatze  mit  einer 
gewissen  Ausschliesslichkeit  diejenigen  Vorstellungen 
auszulösen,  welche  ihm  zum  gewollten  Ausdrucke  die 
erspriesslichsten  erschienen. 

Wenn  er  bei  solchen  Vorgängen  vom  Gleichge- 
wichte sprach,  so  geschah  dies  nicht  in  dem  Sinne,  dass 
er  statische  Regeln  und  Godifizirungen  zur  Hilfe  heran- 
gezogen hätte,  sondern  vielmehr  in  dem  anderen  Sinne, 
dass  das  Gleichgewicht  selbst  mit  als  Haupt-Aufgabe  in 
Betracht  kam,  also  bildnerisch  zu  entwickeln  war.  Es 
leiteten  ihn  hiebei  anatomisch-organische  Ueberlegungen 
und  plastische  Vorstellungen.  Er  stellte  in  dem  er- 
wähnten Beispiele  etwa  folgende  Betrachtungen  an : 
Wenn  der  Mensch  steht,  so  ruht  sein  ganzes  Gewicht  und 
überdies  das  Spiel  der  Bewegungskräfte  des  Ober- 
körpers auf  den  Beinen , die  das  Ganze , den  Säulen 
vergleichbar,  tragen.  Wir  werden  also  in  der  Formen- 
Gliederung  der  Beine  jene  Modificationen  aufsuchen, 
welche  am  meisten  geeignet  sind,  ihre  stützende  Kraft 
zur  Anschauung  zu  bringen.  An  sie  schliesst  sich 
nach  oben  hin  das  Knochen-Gerüste  des  Beckens, 
welches  durch  seine,  in  horizontalem  Sinne  modifizirte 
Achsenlage  und  durch  die  grössere  oder  geringere  Ver- 


23 


Schiebung  nach  der  einen  Seite  hin,  einen  sehr  wesent- 
lichen Ausdruck  der  Gewichts -Vertheilung  liefert.  — - 
Oberhalb  des  Beckens  beruht  die  Stützkraft  einzig  auf 
der  Wirbelsäule,  an  welcher  das  Gebäude  des  Brust- 
kastens mit  den  angefügten  Schultern  und  Armen  sozu- 
sagen frei  aufgehängt  ist.  Die  durchzufühlende  Biegung 
der  Wirbelsäule  sammt  Kopf-Aufsatz  und  mit  ihr  die 
Lage  der  Schulter-Horizontalen  wird  den  Ausdruck 
dieser  Verhältnisse  bestimmen.  — Am  Kumpfe  werden 
bei  starker  Becken-Verschiebung  die  Weichtheile  zwischen 
diesem  und  dem  Bippenkasten  auf  der  einen  Seite 
zusammengedrängt,  gepresst,  auf  der  anderen  gestreckt, 
gespannt  erscheinen  müssen.  — An  den  oberen  Körper- 
teilen endlich  wird  die  Art  ihrer  Bewegung  stark  in’s 
Gewicht  fallen.  Kopf  und  Hals  ruhen  wegen  ihrer  Be- 
ziehung zur  Wirbelsäule  frei  in  sich  auf.  Kopfwen- 
dungen mit  den  zugehörigen  Veränderungen  des  Halses 
liefern  uns  das  Mittel  zu  Bewegungs-Ausdrücken  und 
auch  das  freie  Spiel  der  Arme  kann  als  Gontrast  zur 
stützenden  Ruhe  und  Festigkeit  der  unteren  Extremi- 
täten im  Interesse  der  Lebendigkeit  wirksam  verwendet 
werden. 

Unter  solchen  Erläuterungen  stellte  Marees  die 
Figur  auf  dem  Zeichnungsblatte  fest  und  unterzog  sie 
gleichzeitig  der  Massen-Modellirung  unter  beinahe  con- 
sequenter  Annahme  des  vom  freien  Himmel  einfallenden 
Lichtes.  Auch  was  er  an  Formen-Einzelheiten  bildete, 
stand  immer  in  Beziehung  zu  jenen  Haupt-Verhältnissen 
und  wurde  in  dieser  Hinsicht  besprochen.  Allmälig 
steigerte  sich  dann  sein  Interesse  an  den  Details  und 
indem  er  sie  bearbeitete,  wurde  er  nicht  müde  zu 


24 


erinnern,  dass  in  der  Darstellung  Alles  auf  oft  gering- 
fügige Modificationen  ankomme , auf  Kenntniss  und 
Beherrschung  der  Formen  beruhe,  welche  nur  durch 
grosse  Erfahrung,  durch  Beobachtung  und  Studium  zu 
gewinnen  seien. 

Die  Variationen  desselben  Thema’s  suchte  er  bei- 
nahe in  jedem  einzelnen  Falle  vermittelst  zahlreicher 
Zeichnungen,  welche  er  so  lange  wiederholte,  bis  er 
sich  der  sprechendsten  Bewegung,  des  natürlichsten 
und  klarsten  Ausdruckes  der  betreffenden  Figur  ver- 
sichert zu  haben  glaubte.  Auf  solchen  Zeichnungen 
fanden  sich  ausser  der  Figur  meist  nur  wenig  bestimmte 
Angaben  für  den  später  zu  entwickelnden  Hintergrund ; 
Abtönungen  der  Fläche,  welche  dem  Bedürfnisse  der 
deutlicheren  Massen-Modellirung  entsprungen  waren,  — 
hie  und  da  einzelne  führende  Linien,  — am  häufigsten 
Strichlagen,  welche  in  verschiedenen  Bichtungen  gegen 
die  Figur  hin  geführt  worden,  wo  und  wie  sie  das 
Gefühl  des  Contrastes  eben  erheischte.  Was  aber  nie- 
mals fehlte,  war  die  bestimmte  Angabe  der  Beziehungen 
der  Figur  zum  natürlichen  Boden,  von  welchen  alsbald 
die  Bede  sein  wird. 

Wenn  der  Entwurf  nur  eine  einzelne  Figur  zum 
Gegenstände  hatte,  folgten  diesen  Blättern  die  Studien 
zur  Anordnung  des  Bildes.  Führte  die  Vorstellung  ent- 
weder von  Vorne  herein  oder  im  Verlaufe  der  ersten 
Skizzen  auf  mehrere  Figuren,  so  war  es  zunächst  die 
Anordnung  dieser  letzteren,  welcher  Marees  sich  nun 
zu  wandte. 

Und  abermals  war  es  das  plastisch-malerische 
Bildungs-Prinzip,  das  ihn  leitete.  Wenn  er,  wie  es 


m 


namentlich  bei  einigen  Bilder-Reihen  vorgekommen  ist, 
Situationen  entwarf,  denen  ein  Beziehungs-Interesse 
innewohnte,  so  geschah  es  wohl,  um  durch  dieses  anzu- 
regen und  den  Beschauer  in  die  Theilnahme  an  dem 
bildnerisch  gebotenen  Stoff  einzuleiten.  Aus  ge  gangen 
aber  ist  Marees  allemal,  auch  was  die  Figuren-Gruppi- 
rung  anbelangt,  einzig  von  bildnerischen  Vorstellungen 
und  in  vielen  seiner  Skizzen  und  Bilder  muss  der  lose 
Zusammenhang  auffallen,  in  dem  die  Figuren  zu  einander 
stehen.  Die  Prinzipien  der  Zusammenordnung  betreffen 
allemal  Formen-Verhältnisse,  also  Verhältnisse  von 
Massen  und  Volumen,  von  Gliederungen  und  Plänen, 
von  Richtungen  und  Linien,  welche  in  ihrem  letzten 
Zusammenklange  die  Illusion  des  beleuchteten  und  von 
Figur  harmonisch  erfüllten  Raumes  ergeben  sollten.  Die 
Anordnung  erfolgte  also  hauptsächlich  in  Hinsicht  der 
plastischen  Gruppirung  und  die  Figuren  selbst  gaben,  in 
weit  reicherem  Masse  als  dies  bei  der  malerischen 
Darstellung  einer  einzelnen  Figur  möglich  ist,  selbst 
das  erste  und  vorzüglichste  Mittel  zur  Raumbildung. 
Ein  zweiter  Gesichtspunkt  der  Anordnung  entsprang 
aus  der  Form  der  gegebenen  oder  festzustellenden 
Bildfläche  und  aus  der  Vertheilung  der  Licht-Massen  auf 
derselben.  Dieser  Gesichtspunkt  war  indess  unterge- 
ordnet und  ergab  sich  aus  dem  erstangeführten.  Der 
innere  Reichthum  der  plastisch  gedachten  Gruppe  be- 
ruhte auf  der  Verschiedenheit  von  Lage  und  Bewegung, 
die  den  ganzen  Figuren  und  ihren  Theilen  gegeben 
wurden  ; diese  Anordnung  war  die  massgebende.  Aller- 
dings konnte  es  nicht  gleichgültig  sein,  an  welchen 
Tafel-  oder  FJächen-Oertern  sich  die  Köpfe,  die  Hände 


und  Füsse  befanden ; aber  diese  Oerter  ergaben  sich 
aus  der  Lage  des  Rumpfes  und  der  Glieder  von  Gelenk 
zu  Gelenk,  und  diese  Lage  wurde  nicht  linear , sondern 
plastisch,  das  ist  mit  genauer  Bestimmung  des  Masses 
und  der  Richtung  nach  der  Tiefe  entwickelt. 

Um  den  Reichthum  der  Figuren-Gruppirung  anzu- 
bahnen, pflegte  Mardes  das  Gesetz  des  Contrastes  mannig- 
fach in  Anspruch  zu  nehmen.  Derselbe  äusserte  sich,  noch 
ohne  die  Formen-Unterschiede  der  Gestaltung  zu  berühren, 
in  der  Massen-Yertheilung,  wie  sie  die  Verlegung  der 
Figuren  in  mehrere  Pläne  ergibt ; — in  der  Wahl  der 
Stellungen  und  Bewegungen : Stehen  und  Schreiten, 
Heben  und  Bücken,  Sitzen,  Lehnen,  Liegen  und  Stützen, 
und,  wenn  eine  dieser  Bewegungen  in  parallelen  Er- 
scheinungen zum  Ausdruck  kam,  in  den  feineren  Varia- 
tionen derselben ; — ferner  in  der  Verschiedenheit  der 
Körper- Ansichten  und  Wendungen  gegen  das  Licht;  — 
endlich  in  der  Verschiedenheit  der  Einzel-Gestaltung 
selbst  mit  ihren  unendlich  feinen  Abstufungen  nach 
Alter,  Entwicklung  und  Geschlecht. 

In  der  Lehre  hob  Marees,  was  die  Figuren-Anord- 
nung  betrifft,  hervor,  dass  sich  feste  Regeln  dafür  nicht 
aufstellen  lassen  und  dass  auch  hier  nur  emsige  Beob- 
achtung und  Uebung  die  nöthige  Erfahrung  liefern 
könne.  Indess  lassen  sich  aus  seinem  Verfahren  doch 
folgende  Bemerkungen  abnehmen. 

Keines  seiner  Blätter  ist  mit  Figuren  überfüllt,  was 
immer  nur  auf  Kosten  der  Deutlichkeit  geschehen  kann. 
Eine  Gruppe  oder  mehrere  Figuren  des  ersten  Planes  — 
in  freiem  Nebene;nander  ohne  plastische  Berührungs- 
punkte oder  accentuirte  Beziehungen  — füllen  den  grös- 


27 


seren  Theil  der  Bildfläche.  Der  Rest  an  Figuren  ist  im 
zweiten  und  dritten  Plane  klar  auseinandergehalten.  Bei 
figurenreichen  Conceptionen  fällt  dem  zweiten  Plane  oft 
noch  ein  ziemlich  grosser  Antheil  an  der  Bildfläche  zu ; 
der  dritte  Plan  fehlt  niemals  und  ist,  wenn  nicht  wieder 
durch  menschliche,  so  durch  Thiergestalten  bezeichnet. 
Marees  bezog  sich  hinsichtlich  der  Pläne  oft  auf  die 
friesartigen  Reliefs  der  Bildhauerei,  welche  auch  dem 
Maler  zum  Studium  empfohlen  wurden. 

An  Ansichten  der  Figur  wählte  Marees  mit  Vorliebe 
diejenigen , in  welchen  sich  der  Organismus  oder  die 
eigenthümliche  Bildung  am  vollständigsten,  deutlichsten 
und  einfachsten  ausdrückt , die  vordere  Ansicht  mit 
geringer  Wendung  nach  der  Seite,  oder  die  Seiten- 
Ansicht  mit  geringer  Wendung  nach  vorne  oder  hinten. 
Rückenfiguren  hat  er  auch  bei  figurenreichen  Entwürfen 
selten  zugelassen  und  oft  davor  gewarnt,  solche  im 
ersten  Plane  anzubringen , weil  sie  ihm  das  Bild  zu 
sehr  nach  vorne  ab-  und  den  Beschauer  auszuschliessen 
schienen. 

Starke  Verkürzungen,  namentlich  solche,  in  welchen 
sich  die  Ansichten  zweier  Gelenke  übereinanderschieben, 
hat  er  immer  vermieden.  Er  machte  darauf  aufmerksam, 
dass  Kinder  in  ihren  ersten  naiven  Versuchen  beispiels- 
weise das  Pferd  von  der  Seite  nehmen , weil  sich  in 
dieser  Ansicht  der  eigenthümliche  Bau  dieses  Thieres 
am  deutlichsten  zeigt,  während  die  vordere  oder  hintere, 
also  verkürzte  Ansicht  auch  dem  verständigen  Beob- 
achter und  Kenner  oft  verworren  erscheinen  muss. 
«Und  Kinder»,  setzteer  dazu,  «sollten  wir  in  unserer 
Anschauung  alle  wieder  werden  ». 


28 


Mit  Ueberschneid ungen  hat  Maröes  sehr  frei  ver- 
fahren und  war  beim  ersten  Entwurf  um  das  Vonein- 
ander-Losgehen  der  überschneidenden  und  der  über- 
schnittenen  Form  wenig  bekümmert.  Bei  plastischer 
und  räumlich  klarer  Durchbildung  ergebe  sich  das  ganz 
von  selbst.  Nur  Gelenke  linden  sich  bei  ihm  fast  nie- 
/ mals  überschnitten. 

Die  Natürlichkeit  der  Figuren- Anordnung  suchte 
Marees  hauptsächlich  in  der  Wahl  solcher  Stellungen, 
die  dem  Menschen  nach  Alter,  Entwicklung  und  Ge- 
schlecht eigenthümlich  sind,  die  also  im  Leben  oft,  fast 
regelmässig  angetroffen  werden.  Als  unnatürlich  ver- 
warf er  den  seltenen , den  Ausnahmsläll , dessen  Dar- 
stellung auch  in  der  Ausführung  zu  allerlei  Zwang 
führe  und  vom  Einfachen  und  Normalen  ableite.  Ent- 
schieden bevorzugt  hat  er  die  aufrechte  Stellung,  welche 
j den  Menschen  vor  dem  Thiere  auszeichnet  und  nament- 
lich dem  Ausdrucke  kraftvoller  Männlichkeit  günstig  ist; 
dann  alle  Arten  des  behaglichen  Rühens. 


Erst  wenn  Marees  vermittelst  der  vorstehend  charak- 
terisirten  Skizzen  den  Hauptgegenstand  des  Entwurfes, 
die  Figuren,  angeordnet  und  festgestellt  hatte , befasste 
er  sich  mit  eingehender  Entwicklung  des  dieselben 
umgebenden  Raumes  und  gelangte  so  schliesslich  zur 
Anordnung  des  Bildes  im  Ganzen. 

Dies  geschah  wieder  durch  Zeichnungen,  entweder 
auf  denselben  Blättern , welche  dem  Entwürfe  der 
Figuren  gedient  hatten,  oder,  was  meistens  der  Fall 
war,  durch  oftmalige  Wiederholung  des  Figuren-Ent- 
wurfes  sammt  seiner  Begleitung  auf  neuen  Blättern, 


29 


Zu  diesen  Zeichnungen , welche  in  ihrem  letzten 
Resultate  die  Hauptgrundlage  der  Arbeit  an  der  Bild- 
tafel ausmachten,  gehören  auch  diejenigen,  welche  er 
für  die  Anordnung  der  Portraits  anfertigte,  wenn  solche 
nicht  ohnedies  als  vollständige  Bilder  geplant  waren 
(Gruppen-Portraits) . 

Der  Baum,  welcher  die  Figuren  in  der  Darstellung 
umgibt,  heisst  in  Beziehung  zu  diesen  bei  Maröes 
schlechtweg  Hintergrund.  «Nichts  erfordert  mehr 
Kunst  als  ein  guter  Hintergrund  ». 

In  den  Darstellungen  Maröes’  besteht  der  Hinter- 
grund fast  ausschliesslich  aus  freier  Landschaft  und  nur 
selten  spielen  Werke  von  Menschenhand,  wie  Architektur, 
eine  Rolle  darin.  Er  beschränkte  sich  auch  in  der  Land- 
schaft auf  ihre  einfachsten,  immer  wiederkehrenden  Ele- 
mente: Natürlicher  Erd-  und  Wiesenboden, — Wasserläufe 
und  Wasserflächen,  — Anhöhen,  ferne  Berge  und  Berg- 
züge, — Bäume,  Büsche  und  Waldungen,  — und  die 
Atmosphäre.  Das  überaus  mannigfache  und  reizvolle 
Formenspiel  dieser  einfachen  Elemente  wollte  er  aber 
so  verwendet  wissen,  dass  in  jedem  Bilde  ein  Gesammt- 
Eindruck  vom  Hintergründe  entstehe,  als  ob  man  es  mit 
der  ganzen  Welt  zu  thun  hätte. 

Marees  hatte  sich,  was  die  freie  Landschaft  betrifft, 
aus  der  Beobachtung  ein  eigenthümliclies  System  ent- 
wickelt, das  er  durch  die  Verwendung  bei  seinen  eigenen 
Arbeiten  und  durch  die  Lehre  zu  einem  Kunst-Prinzip 
erhoben  hat.  Es  drückt  sich  etwa  in  folgenden  stereo- 
typen Worten  aus : 

« Soviel  wir  von  der  sichtbaren  Welt  mit  Einem 
» Blicke  umspannen  können,  ist  in  seiner  Grundform 


30 


» allemal  eine  horizontale  Fläche,  von  welcher  einzelne 
» Gegenstände  vertikal  in  das  Himmelsgewölbe  aufragen. 
» Aus  dieser  Art  der  Betrachtung  ergibt  sich  für  jede 
» natürliche  Gesammt-Erscheinung  ein  Netz  von  führenden 
» und  begleitenden  horizontalen  und  vertikalen  Linien, 
» in  welchem  die  einzelne  Erscheinung  hauptsächlich 
» durch  die  Modification  ihrer  Lage  aut  den  Gesichtssinn 
» wirkt.  » 

Sehen  wir  zu,  wie  er  dieses  System  bei  der  Figuren- 
Darstellung  verwendete. 

Die  Aufgabe,  um  eine  Figur  herum  Raum  zu  schaffen, 
hatte  für  ihn  ihren  natürlichen  Ausgangspunkt  dort,  wo 
die  Figur  mit  dem  festen  Boden  in  unmittelbarer  Be- 
rührung stehen  sollte.  Nur  durch  die  klare  Festlegung 
dieses  Ortes  oder  dieser  Orte  schien  ihm  Nähe  und 
Ferne,  Pläne  und  Richtungen  benachbarter  Gegenstände, 
das  Fliehen  und  Aufragen  der  Dinge,  mit  Einem  Worte, 
der  ganze  Raum  bestimmbar.  Von  diesem  Orte  aus  habe 
der  natürliche  Boden  gegen  den  Beschauer  vorzu- 
kommen,  und  zu  bewirken,  dass  der  Luftraum  zwischen 
der  Figur  und  der  Einrahmungs-Ebene  fühlbar  werde.  Von 
diesem  Orte  aus  sollen  die  Linien  der  Bodengestaltung 
seitlich  zum  Bilde  hinausführen  und  so  die  Illusion 
erzeugen,  als  ob  sich  der  dargestellte  Raum  über  den 
Rahmen  hinaus  fortsetze.  Von  diesem  Orte  aus  weiche 
endlich  der  natürliche  Boden  zurück  bis  zu  jener  Be- 
grenzungslinie, an  welcher  er  sich  mit  der  über  unseren 
Häuptern  aufsteigenden  Kuppel  des  Luftraumes  zu  ver- 
einigen scheinen  soll. 

Das  natürliche  Mittel  zur  Bestimmung  dieser  Orte  — 
Fuss  und  Aufruhepunkte  — in  Zeichnung  und  Malerei 


31 


seien  jene  sehr  modifizirbaren  Dunkelheiten,  welche  bei 
jeder  Beleuchtung  sicherlich  am  Orte  des  Contactes 
anzutreffen  sind,  ob  sie  sich  nun  nahezu  auf  Umriss- 
linien beschränken,  oder  in  grösserer  oder  geringerer 
Ausdehnung  als  Schatten  über  den  Boden  und  die 
benachbarten  Gegenstände  legen. 

Diese  Schatten  waren  Marees  in  der  Beobachtung 
und  im  Studium  von  hervorragender  Wichtigkeit,  weil 
er  in  ihnen  den  schlagendsten  Ausdruck  der  angeführten 
Verhältnisse  erkannte.  Sie  fehlen  auf  keiner  seiner 
Zeichnungen  und  oft  ist  ihnen  abzusehen,  wie  ein- 
gehend er  sie  studirte,  wie  emsig  er  sie  modifizirte 
und  bearbeitete. 

Von  hier  aus  ging  er  in  der  Entwicklung  des 
Hintergrundes  nach  allen  Seiten  weiter.  Die  aufrechte 
Figur  als  einfachstes  Beispiel  beibehalten,  führten  ihn 
die  natürlichen  Berührungspunkte  auf  die  horizontale, 
nach  hinten  verjüngte  Grundfläche.  Sie  ist  allemal  ein 
von  oben  offen  Beleuchtetes ; sie  ist  dort,  wo  die  Figur 
steht  ein  enger,  beschränkter  Ort,  am  Horizonte  ein 
vergleichsweise  Unendliches : das  waren  die  beiden 
Haupt-Gesichtspunkte  für  Anordnung  und  Bearbeitung 
alles  dessen,  was  sich  auf  dieser  Fläche  in  horizontalem 
Sinne  lagert  und  gliedert,  oder  was  dieselbe  in  schrägem 
Sinne  modifizirt,  also  für  Wasserläufe  und  Wasser- 
flächen, Anhöhen  und  Bergzüge. 

Aehnliches  wie  für  den  Boden  ergab  sich  dann  in 
umgekehrter  Folge  für  den  Luftraum.  Wie  sich  bei 
jenem  die  führenden  Linien  aus  den  stärker  accentuirten 
schrägen  Bichtungen  des  Vordergrundes  allmälig  zur 
wagrechten  Flächenrichtung  des  Horizontes  ausgleichen, 


32 


so  steigen  die  führenden  Linien  der  Wolkenbildungen 
und  Beleuchtungs- Abschnitte  der  Luft  von  den  hori- 
zontalen Gebilden  der  an  den  festen  Boden  grenzenden 
Sphäre  all  malig  in  die  schrägen  Linien  der  näher  gegen 
den  Zenith  liegenden  Gestaltungen  auf. 

Die  Angaben  dieser  Verhältnisse  zeigten  sich  in  der 
Zeichnung  zunächst  als  horizontale  und  schräge  Führungs- 
linien und  ebensolche  Strichlagen  zur  Anbahnung  der 
Massen-Modellirung,  und  indem  diese  horizontalen  oder 
schrägen  Linien  gegen  die  Umrisse  und  Formen  der 
Figur  stiessen,  erzeugten  sie  alsbald  durch  Contrast 
die  Illusion  des  Fliehens  der  Fläche,  des  freien  Auf- 
ragens  der  Figur , Hessen  das  Mass  des  Baumes  nach 
der  Tiefe  deutlich  empfinden,  und  ergaben  somit  aus  den 
natürlichen  Elementen  der  Gestaltung  die  frei  und  reich 
entwickelte  Perspective. 

Von  der  Perspective  im  Allgemeinen  dachte  Marees  — 
ebenso  wie  von  Anatomie  und  Statik  — nicht  dass  die 
wissenschaftliche  Bearbeitung  derselben  Daten  zum 
Gebrauche  des  Malers  liefern  solle,  sondern  dass  Per- 
spective, wie  organische  Formen-  und  Gleichgewichts- 
Verhältnisse,  von  dem  Maler  bildnerisch  zu  entwickeln, 
künstlerisch  zum  Ausdrucke  zu  bringen  seien. 

Soweit  stand  nun  die  Figur  auf  dem  festen  bis  zum 
Horizonte  gegliederten  Boden  und  in  ihrem  kuppelför- 
migen Lufträume,  — zeichnerisch  gesehen  in  einem 
Systeme  modifizirter  Horizontal -Linien. 

Die  natürliche  Gestaltung  der  Erdoberfläche  mit 
ihrem  reichen  Schmucke  zum  Himmel  aufragender 
Gegenstände , also  die  natürliche  Vorstellung  sowohl 
wie  das  künstlerische  Prinzip,  erheischten  jetzt  die  Aus- 


33 


stattung  der  Fläche  mit  einem  Linien-Systeme , das  sich 
der  Vertikalen  nähert. 

Dieses  zweite  Linien-System  trug  im  Gegensätze  zu 
dem  ersten,  welches,  mit  der  Figur  zusammengehalten, 
das  eigentlich  raumbildende  war,  den  Charakter  der  Be- 
reicherung. Es  konnte  unter  Umständen  ganz  wegfallen. 
(Beispiel:  Jünglingsfigur,  auf  einem  Boote  sitzend,  in 
offener  Seeland schaft.) 

Die  Elemente  desselben  hatten  ihren  Ausgangspunkt 
und  ihren  Massstab  in  der  Figur  selbst,  da  diese  in 
die  Kategorie  der  aufragenden  Erscheinungen  gehört. 
(Höhen-Massstab.) 

Nichts  stellt  so  sehr  die  Illusion  des  Raumes  her, 
als  die  Wiederholung  desselben,  dem  Auge  geläufigen 
Masses  in  verschiedenen  Tiefen  des  Bildes.  Das  Mass 
spricht  in  der  Erscheinung  durch  seine  Abgrenzungen, 
also  das  Höhenmass  durch  Fuss-  und  Scheitelpunkte. 

Hieraus  ergab  sich  zunächst,  im  Falle  der  Anord- 
nung mehrerer  Figuren  im  Bilde,  die  Aufforderung, 
deren  Fuss-  oder  Aufruhepunkte  in  demselben  Zu- 
sammenhang mit  dem  natürlichen  Boden  zu  bearbeiten, 
wie  dies  bezüglich  der  Haupt-Figur  erwähnt  worden 
ist;  — ferner,  dass  man  wohl  daran  tliat,  den  männ- 
lichen Figuren  der  verschiedenen  Pläne  im  Interesse 
der  Deutlichkeit  dieselbe  natürliche  Grösse  zugrunde 
zu  legen  und  nur  dort  von  dieser  Norm  abzuweichen, 
wo  nahe  zusammengeordnete  Figuren  desselben  Planes 
ihr  Mass  gegenseitig  erläuterten  und  augenfällig  machten. 

Wo,  wie  in  unserem  Beispiele,  nur  eine  einzelne 
Figur  im  Bilde  war,  fand  der  Höhenmassstab  seinen 
Ausdruck  lediglich  in  den  Beziehungen  zu  dieser  Figur. 

3 


34 


Unter  den  frei  aufragenden  Gegenständen  der  natür- 
lichen Erd-Oberfläche  ist  der  Baum  die  bedeutendste 
Erscheinung  und  das  blosse  naive  Gefühl  heisst  uns  die 
darzustellenden  Flächen  und  Anhöhen  mit  Bäumen 
mannigfaltiger  Form  ausschmücken.  Die  Verwendung 
des  Baumes  als  raumbildendes  und  begleitendes  Formen- 
Element  pflegte  Maröes  bei  jedem  Anlasse  eingehend 
etwa  in  folgender  Art  zu  besprechen : 

Damit  die  Beziehung  des  Baumes  zur  Figur  deutlich 
werde,  stellt  sich  vorerst  das  Bedürfniss  heraus  ein 
solches  Gebilde  oder  mehrere  derselben  in  die  unmittel- 
bare oder  doch  bestimmte  Nähe  der  Figur  zu  bringen. 
Der  Fusspunkt  spricht  hier  wieder  am  deutlichsten. 
Die  Lage-Beziehung  dieses  Fusspunktes  zum  Fusspunkte 
der  Figur  ist  der  schlagendste  Ausdruck  des  Baum- 
Verhältnisses  der  beiden  vertikal  gegliederten  Erschei- 
nungen und  wo  beide  klar  festgestellt  sind,  erfasst  das 
Auge  mit  Leichtigkeit  die  sich  wechselseitig  bestimmenden 
Orte.  — Die  andere  Abgrenzung  eines  der  Figur  nahe 
gebrachten  Baumes  entzieht  sich  gewöhnlich  der  Dar- 
stellung im  ersten  Plane,  denn  der  Baum  wird  weit 
über  den  oberen  Bilderrand  aufzuragen  scheinen  müssen. 
Indessen  empfiehlt  sich  im  Interesse  augenfälliger 
Deutlichkeit  die  Angabe  und  klare  Aufzeigung  jener 
Structur-Verhältnisse,  die  dem  mittleren  Theile  des 
Baumes  in  Bezug  zur  menschlichen  Scheitelhöhe  natürlich 
sind  : Theilungen  des  Stammes , beginnende  Verästung 
und  Kronenbildung,  dann  Blatt-,  Blüthen-  und  Frucht- 
Grössen,  wo  diese  sich  anbringen  lassen  ohne  der 
Natürlichkeit  Zwang  anzüthun.  — Ist  dem  Auge  in  der 
Darstellung  dieses  der  Figur  nahe  gebrachten  Baumes 


35 


durch  die  Hervorhebung  und  Betonung  der  charac- 
teristischen  Massen-  und  Formen-Merkmale  ein  be- 
ruhigender Ausgangspunkt  geboten  worden,  so  erfahren 
diese  Verhältnisse  eine  weitere  Ergänzung  durch  die 
Wiederholung  ähnlicher  Erscheinungen  in  den  tiefer 
liegenden  Plänen  des  Bildes.  Wieder  sprechen  die 
Fusspunkte  mit  den  massigen  Schatten  auf  ihrer  nächsten 
Umgebung  am  deutlichsten.  Gegen  die  Tiefe  zu  er- 
scheinen bald  grössere  Tlieile  der  Bäume,  endlich  ganze 
Bäume  und  Baum-Gruppen,  mit  ihnen  die  Scheitelpunkte 
als  obere  Abgrenzungen  des  Masses. 

Buschwerk,  Gehölze  und  Wälder  pflegte  Marees  in 
die  tieferen  Pläne  zu  verweisen;  denn  alles  Laubwerk 
ist  dunkel , verschlingt  in  den  vorderen  Plänen  den 
ganzen  Bilderraum,  und  seine  Verwendung  empfiehlt 
sich  also  nur  zur  Anordnung  eines  vorwiegend  ge- 
schlossenen, tieltonigen  Hintergrundes. 

Die  dem  Baume  im  Allgemeinen  entnommenen 
Formen-Elemente  des  ersten  Planes  beschränkten  sich 
in  den  meisten  Entwürfen  Marees’  vorzüglich  auf  Stamm- 
bildungen mit  den  Anfängen  der  Laubkrone.  Er  benutzte 
das  hieraus  entspringende  System  führender  vertikaler 
Linien  mit  Vorliebe  zur  nächsten  Begleitung  der  Figuren- 
Umrisse,  indem  er  die  Modification  der  letzteren  in  ver- 
tikalem Sinne  durch  den  Contrast  von  Linien  belebte, 
welche  der  Vertikalen  noch  geschlossener  und  strenger 
folgen.  Gegen  den  oberen  Bilderrand  standen  dann 
immer  starke  vertikale  Accente,  welche  die  Illusion 
unterstützten,  dass  der  Luftraum  sich  hinter  dem  Rahmen 
zum  Zenith  erhebe  und  welche  durch  diese  Wirkung 
möglich  machten,  die  Anordnung  der  Figuren-Abgren- 


36 


zungen  (Scheitel,  erhobene  Arme)  nahe  an  den  oberen 
Bilderrand  zu  führen. 

Der  Hauptwerth,  welchen  Marees  den  führenden, 
in  irgend  einer  Richtung  aus  dem  Bilde  hinausschneidenden 
Linien  beilegte,  bestand  in  der  dadurch  ermöglichten 
Oekonomie  der  Raum-Vertheilung  auf  der  Fläche.  Er 
geizte  sozusagen  mit  der  Bildfläche.  Die  Figuren-Dar- 
stellung  sollte  sie  in  jedem  Sinne  beherrschen ; den 
Figuren  gehörte  somit  allemal  die  Mitte  und  Fülle  des 
gegebenen  oder  zu  bestimmenden  Flächenraumes.  Ueber- 
raschende  Wirkungen  durch  Excentricitäten  der  An- 
ordnung hervorrufen  zu  wollen,  war  Marees  ebenso 
fremd , als  Beleuchtungs-Effekten  eine  Rolle  in  der 
Licht-Vertheilung  beizumessen.  Hatte  er  also  seine 
Figuren-Vorstellung  von  dem  mehrerwähnten  plastischen 
Gesichtspunkte  aus  geordnet  und  zeichnerisch  entwickelt, 
so  war  er  gleich  dar  aut  bedacht,  die  Bildfläche  so,  eng 
als  möglich  zu  umgrenzen.  Oft  genügte  ihm  bei  fast 
lebensgrosser  Figuren-Darstellung  ein  kaum  fingerbreiter 
Platz  über  dem  Scheitel  und  unter  dem  Fusspunkte  der 
Figur  zur  Anordnung  des  umgebenden  Raumes.  Denn 
er  wusste  aus  Erfahrung,  dass  sich  unter  der  gestal- 
tenden Hand  die  kleinste  Fläche  zu  einer  ganzen  Welt 
von  Erscheinung  entwickeln  kann  und  dass  oft  eine 
einzige,  richtig  angebrachte  führende  Linie  die  Ein- 
schränkung der  Umrahmung  wegzutäuschen  vermag. 

Es  kam  in  seinen  Entwürfen  häufig  vor,  dass  Theile 
einzelner  Figuren  seitlich  oder  nach  der  unteren  Ab- 
grenzung zum  Bilde  hinausschnitten,  ohne  weder  der 
Deutlichkeit  in  der  Gruppirung,  noch  der  Gesammtwirkung 
des  Bildes,  noch  dem  Interesse  an  der  Formen-Gestal- 


37 


tung  Abbruch  zu  thun.  Mitunter  fehlten  sogar  einzelne 
secundäre  Fusspunkte,  niemals  aber  klare  Anhaltspunkte 
dafür,  wohin  ein  solcher  Fusspunkt  bei  vorausgesetzter 
Fortsetzung  der  Bildfläche  zu  liegen  käme.  — Auch  bei  ? ^ . 
den  Rahmen-Ueberschneidungen  blieben  die  Gelenke 
stets  verschont. 

Was  die  in  den  Entwürfen  meist  schon  bestimmt 
angegebenen  Licht-  und  Massen-Werthe  des  Hinter- 
grundes anbelangt,  so  ist  hier  noch  besonders  hervor- 
zuheben, dass  Marees,  im  Interesse  der  Harmonie  der 
Gesammt-Erscheinung,  Gleichartiges  mit  Gleichartigem 
zu  begleiten  pflegte,  also  dunkel  mit  dunkel,  hell  mit 
hell,  grosse  mit  grossen,  kleine  mit  kleinen  Flächen- 
Portionen,  Massen  mit  Massen  und  differenzirte  Theile 
der  Figuren  mit  differenzirten  landschaftlichen  Erschei- 
nungen. Es  konnte  bei  solchem  Vorgänge  nicht  fehlen, 
dass  zuweilen  relativ  grosse  Theile  der  Bildfläche  auf 
den  Hintergrund  entfielen.  Solche  Bildertheile  setzte  er 
dann  beim  Malen  in  Ton-Verhältnisse,  welche  ihre  Aus- 
breitung neutralisirten. 


Indem  wir  auf  die  concipirende  Thätigkeit  Marees’, 
wie  sie  sich  in  der  Anfertigung  der  Entwurfs-Zeich- 
nungen darstellte,  einen  Blick  zurückwerfen,  scheint  es 
uns  geboten,  den  Unterschied  besonders  hervorzuheben, 
welcher  nothwendig  zwischen  einer  Darlegung  des  Lehr- 
Vorganges  und  der  künstlerischen  Thätigkeit  selbst  statt 
haben  muss. 

Wenn  Marees  für  seine  eigenen  Zwecke  arbeitete, 
traten  alle  leitenden  Prinzipien,  Systeme  und  was  dieser 


38 


Art  noch  angeführt  worden  ist,  vollständig  zurück 
gegen  das  reiche  Vorstellungsleben,  welches  diesen 
Künstler  erfüllte.  Denn  er  war,  mit  Dürer  zu  reden, 

« innerlich  durch  und  durch  voller  Figur ».  Geschah 
es,  dass  er  sich  in  der  Werkstatt,  welche  er  hochsinnig 
mit  seinen  Schülern  theilte,  mitten  unter  anderen  Arbeiten 
schweigend  an’s  Entwerfen  gab,  so  war  es  wohl  eine 
Lust  zu  sehen,  wie  sein  Geist  den  Stift  regierte.  Seine 
zu  seltener  Klarheit  gesteigerte,  umfassende  Kenntniss 
der  menschlichen  Figur,  dieser  Krone  der  Schöpfung, 
gab  ihm  eine  ausgebreitete  Herrschaft  im  Reiche  der 
Vorstellung  und  es  war  ihm  ein  Leichtes,*  Figuren  aller 
Art  in  jeder  denkbaren  Bewegung  oder  Stellung  auf  dem 
Zeichnenblatte  zu  fixiren.  Er  warf  in  der  kürzesten 
Frist  Umrisse  auf  das  Papier,  in  welchen  von  der  ersten 
Entstehung  an  die  sprechendsten  und  ausschlaggebenden 
Massen-  und  Volumen-Verhältnisse  sichtbar  wurden 
und  welche  die  bildnerische  Vorstellung  spielend 
dem  Ausbau  der  Gestaltung  zuleiteten.  Diese  Blätter, 
welche  füglich  mit  dem  Besten,  was  man  von  der  Hand 
der  Meister  besitzt,  verglichen  werden  durften,  ja  in 
Ansehung  der  plastischen  Momente  einen  grossen  Theil 
der  Handzeichnungen  übertrafen,  enthielten  nichts  was 
blosser  manueller  Geschicklichkeit  seinen  Ursprung  zu 
danken  gehabt  hätte.  Jeder  Strich,  den  die  Hand  führte, 
entsprach  einem  Vorgestellten,  einer  bewussten  und 
empfundenen  Form : er  war  entweder  da  um  Massen 
einzugrenzen,  Pläne  zurückweichen  zu  machen  oder  dem 
feineren  Spiel  der  plastischen  Form,  in  welchem  sich 
die  Bewegung  und  das  Leben  zeichnet,  Ausdruck  zu 
geben.  Mit  wahrhaft  überraschender  Klarheit  waren 


39 


jene  Theile  der  Zeichnung  entwickelt,  welche  ihm  als 
die  Cardinal-  und  Angelpunkte  des  Zusammenhanges 
und  der  Gliederung  erschienen : die  aufruhenden  Theile 
des  Körpers  und  die  Gelenke.  Jede  Figur  schien  mit 
dem  Boden  auf  das  Natürlichste  zusammenzuhängen. 
Die  ganze  Erscheinung  war  statisch  wohl  geordnet,  in 
sich  harmonisch  geschlossen,  ohne  auffällige  Züge  in 
den  Einzelheiten,  die  Ruhe  voller  Bewegungs-Fähigkeit, 
voller  Leben.  Das  so  viel  gemissbrauchte  Spiel  der 
Muskeln  ordnete  sich  dem  sicheren  Gefühle  plastischen 
Volumens,  plastischer  Rundung  des  Ganzen  unter.  Die 
Conception  der  Gruppen  war  mannigfaltig  und  reich  an 
anziehender  Abwechslung,  die  später  zu  entwickelnde 
Anrnuth  des  landschaftlichen  Hintergrundes  in  ihren 
Elementen  vorempfunden. 

So  sind  diese  uns  erhaltenen  Zeichnungen  Marees’, 
welche  dem  Künstler  nur  als  Studienblätter  galten,  zum 
Theile  herrliche  Entwürfe,  das  allgemeine  und  dabei  so 
einfache,  breite  Naturleben  des  Menschen  umfassend, 
und  Denjenigen  zu  verweilender  Betrachtung  auffordernd, 
der  sich  die  Mühe  genommen  hat,  diese  Formen-Sprache 
verstehen  zu  lernen.  Ja  weit  mehr  als  das  : es  sind 
ebenso  viele  Aufforderungen,  dieselben  Wege  zu  betreten 
und  -ähnlichen  Vorstellungs-Reihen  mit  der  durchwär- 
menden Kraft  der  Farbe  zu  schönerem  und  dauerhaftem 
Leben  zu  verhelfen. 


II.  Arbeit  an  der  Bildtafel. 


...>  das  Land  der  Griechen  mit  der  Seele  suchend. 

Goethe. 

Maröes  betrachtete  die  Arbeit  an  der  Bildtafel  als 
Surrogat  für  die  Wand-Malerei.  Die  Wand-Malerei 
sei  die  eigentliche  Arbeit  des  Meisters.  Wenn  die  Ge- 
legenheit dazu  eintritt,  solle  sie  den  Künstler  gerüstet 
finden. 

Es  liegt  nicht  in  der  Aufgabe  dieser  Blätter  zu 
schildern,  wie  ihn  das  Leben  in  südlichen  Ländern,  die 
er  als  die  Wiege  aller  bildenden  Kunst  hinstellte,  wie 
ihn  das  Studium  der  alten  italienischen  und  spanischen 
Meister  und  der  innige  Zusammenhang  seines  Naturells 
mit  griechischer  Bildnerei  und  griechischem  Geiste  zu 
dieser  Ansicht  hingeleitet  hat.  Genug  an  dem,  dass  er 
sich  etwa  im  letzten  Decennium  seines  Lebens  zur 
Lösung  grösserer  Aufgaben  dieses  Styles  reif  hielt,  und 
den  Tag  sehnlich  herbeiwünschte,  der  ihn  wieder  vor 
solche  stellen  würde. 

Einmal  nämlich  war  dies  schon  geschehen,  als  er 
im  Jahre  1873  veranlasst  wurde,  die  Bibliothek  des 
Aquariums  zu  Neapel  mit  Fresken  zu  zieren. 


41 


Dieses  Werk  bezeichnete  er  selbst  als  einen  ersten 
Versuch,  der  mit  Hinsicht  auf  seine  künstlerische  Ent- 
wicklung in  etwas  zu  frühe  Jahre  gefallen  sei.  Auch 
wäre  die  Sache  zu  eilig  unternommen  und  ausgeführt 
worden  und  die  Arbeitszeit  zu  kurz  gewesen.  Er  ge- 
stand zwar  zu,  dass  sich  in  seinen  allgemeinen  An- 
schauungen seither  wenig  mehr  verändert  habe ; doch 
wäre  er  nun  um  Vieles  besser  zu  ähnlichen  Leistungen 
ausgerüstet  und  würde  sie  gegebenen  Falles  in  weit 
umfassenderer  Weise,  namentlich  mit  Einbeziehung 
architektonischer  Anordnungen  und  bildhauerischer  Ar- 
beiten ausführen  wollen. 

Leider  haben  sich  solche  Gelegenheiten  während 
seiner  letzten  Lebens-Periode  nicht  ergeben  und  es  kann 
desshalb  auch  an  diesem  Orte  nichts  über  Marees 
Gebahren  in  der  Fresko-Malerei  beigebracht  werden. 

Nur  das  Eine  sei  erwähnt,  dass  er  diese  Art  der 
Malerei  über  alle  anderen  stellte.  In  ihrer  Ausübung 
sei  der  Künstler  durch  die  unerbittlichen  Gebote  der 
Technik  gezwungen,  sich  in  Allem  und  Jedem  zusammen- 
zufassen. Fresken  seien  desshalb  einfach  gut  oder 
schlecht,  und  kein  Platz  darin  für  die  goldene  Mittel- 
mässigkeit.  Fresken  wären  demnach  auch  erst  nach 
erlangter  Meisterschaft,  und  nicht,  wie  Viele  wollen,  in 
den  ersten  Jahren  künstlerischer  Thätigkeit  vorzunehmen. 

In  Ermanglung  solcher  Gelegenheit  hat  Marees 
wiederholt  unternommen,  Bilder-Reihen  in  der  Form 
der  Wand-Malerei  zu  entwerfen , und  an  Tafeln  mit 
decorativer  Umgebung  zu  bearbeiten. 

Das  Haupt-Gebrechen  der  Tafel-Malerei  sah  er  in 
dem  Umstande,  dass  man  die  transportablen  Bilder  in 


42 


Umgebungen  versetzen  könne,  in  denen  sie  sich  mög- 
lichst schlecht  befinden.  Die  Umgebung  des  Bildes 
gehöre  mit  unter  den  bestimmenden  Einfluss  des 
Künstlers  oder  vielmehr  der  gegebene  Raum  bestimme 
den  Künstler  erst  zur  Wahl  und  Anordnung  seiner  Dar- 
stellungen. 

Man  ist  versucht  anzunehmen,  dass  er  das  Tafel- 
bild überhaupt,  mit  Ausnahme  der  Portraits,  als  Vor- 
stufe und  Vorbereitung  für  die  Wand-Malerei  aufgefasst 
und  bearbeitet  habe.  Ja  man  könnte  behaupten,  dass 
die  völlige  Ausführung  der  erwähnten  Bilder-Reihen 
nur  an  dem  Umstande  gescheitert  ist,  dass  es  keine 
wirklichen  Wand-Malereien  waren.  Hätten  sie  sich  in 
gewissen  Stadien  ihrer  Durchführung  an  der  Wand 
befunden,  — und  das  konnten  sie  auch  in  Ansehung  des 
Materiales,  — so  wäre  ihr  völliger  Abschluss  die  Sache 
von  wenigen  Tagen  gewesen  und  Marees  hätte  sich  wahr- 
scheinlich gehütet,  diese  Darstellungen  mit  Mitteln  weiter 
treiben  zu  wollen,  welche  seiner  künstlerischen  Natur 
ebensowohl  wie  dem  Wesen  der  Wand-Malerei  wider- 
strebten. 


Marees  führte  also  seine  Malereien  auf  entsprechend 
vorbereiteten  Holz-Tafeln  aus.  Leinwand  hat  er  nur 
aushilfsweise  verwendet.  Der  Grund  davon  ist  zum 
Theile  der  Erwägung  zuzuschreiben,  dass  bei  dem  Aul- 
wand von  Zeit  und  Mühe,  die  man  an  die  künstlerische 
Arbeit  wendet,  das  Ergebniss  derselben  von  vorne  herein 
so  gut  als  möglich  gegen  zerstörende  Einflüsse  sicher 
zu  stellen,  also  der  Bildfläche  die  nöthige  Festigkeit  zu 
geben  sei.  Wenn  irgend,  ist  es  wohl  hier  erlaubt  den 


43 


Werth  der  Unternehmung  zu  anticipiren.  « Die  grund- 
teste Mauer  ist  eigentlich  die  einzige  der  Würde  des  j 
Gegenstandes  angemessene  Maler-Tafel.  » — Bestimmend 
für  die  Wahl  der  Tafel  waren  indessen  die  Anforderungen, 
die  Marees  an  die  eigentliche  Mal-Fläche  stellte  und 
die  hieraus  folgende  Präparation  derselben,  welche  sich 
am  leichtesten  und  sichersten  auf  Holz  hersteilen  lässt. 

Marees  forderte  von  der  Mal-Fläche  nebst  ihrer 
Festigkeit,  dass  sie  möglichst  glatt  und  hell  sei  und  das 
Bindemittel  aufsauge. 

Er  wollte  sie  glatt  und  hell , weil  er  die  ganze 
zeichnende  und  malende  Thätigkeit  als  eine  Beihe  von 
Modificationen  ansah,  hei  welchen  die  geringste  Spur  der 
Hand  etwas  zu  bedeuten  habe.  Die  Kunst  des  Malers 
solle  ein  gegebenes,  gleichförmig  Helles  allmälig  so 
verändern,  dass  daraus  die  täuschende  Illusion  des 
Lebens  entstehe.  Der  Künstler  solle  die  Fläche  zum 
Raume  umschaffen,  also  sei  auch,  sagte  er,  die  dazu 
gewählte  Fläche  eine  möglichst  vollkommene  Ebene, 
und  man  rechne  nicht,  wie  geschickte  Maler  alter  und 
neuer  Zeiten  thaten  und  thun,  auf  Wirkungen,  welche 
das  Korn  und  der  Faden  der  Leinwand  hervorzubringen 
mithelfen  und  wobei  oft  mehr  Zufall  als  Intelligenz  im 
Spiele  ist.  — Marees  bevorzugte  ganz  weissen  Malgrund, 
weil  dieser  von  Anfang  an  für  die  geringsten,  auf  die 
Illusion  des  Malers  wirkenden  Aufzeichnungen  und 
Farben- Applicationen  empfindlich  ist,  und  bei  Anwen- 
dung transparenter  Farben  auch  während  der  Fort- 
schritte der  Arbeit  lange  Zeit,  ja  bis  zum  Ende  empfindlich 
bleiben  kann. 

Die  verlangte  Aufsauge-Fähigkeit  steht  in  Zusammen- 


hang  mit  den  Ei-  und  Firniss-Farben,  welche  Marees 
verwendete.  Sie  trägt  zum  festeren  Anhaften  der  Farbe 
an  den  Malgrund  bei  und  erleichtert  das  rasche  und 
solide  Auftrocknen. 

Es  liessen  sich  an  dieser  Stelle  gute  Gründe  an- 
lühren,  wesshalb  der  von  ihm  verwendete  Malgrund 
auch  in  der  Oel-Malerei  dem  merkwürdigerweise  noch 
immer  allgemein  verwendeten  Oel-Grunde  vorzuziehen  ist. 
Doch  diese  Erwägungen  gehören  nicht  hierher  und  wir 
verweisen  in  dieser  und  mancher  anderen  Hinsicht  auf 
die  vortrefflichen  Abhandlungen  von  Heinrich  Ludwig. 

Man  nahm  zu  den  Tafeln  gejährtes,  nicht  im  Saft,  also 
in  der  Zeit  zwischen  November  und  Februar  geschlagenes, 
/ nach  dem  Radius  des  Stammes  geschnittenes  Pappelholz.  Die 
1 — 2.5  Centimeter  starken,  gehobelten  Bretter  wurden  der 
Länge  nach  zusammengeleimt  und  an  den  Fugen  der  rück- 
wärtigen Seite  mit  gleichartigen,  5—5  Centimeter  breiten 
Leisten  verstärkt.  Zur  Hälfte  in  die  Tafel,  zur  Hälfte  in  die 
Längsleisten  wurde  eine  grosse  Zahl  von  Querleisten  einge- 
lassen und  beweglich  erhalten,  einerseits  um  die  einzelnen 
Breiter  genau  in  der  Ebene  zu  fixirenund  um  ihnen  andrerseits 
das  Spiel  der  Ausdehnung  nach  der  Breiten -Richtung  zu  gestatten. 

Der  Malgrund  bestand  aus  Fischleim  und  Gyps.  Die 
Tafel  erhielt  zuerst  einen  Anstrich  von  heissem  Leim,  dann, 
nach  jedesmaligem  gründlichen  Trocknen,  mehrere  Gvps- 
Anstriche,  in  denen  der  Leim-Gehalt  allmälig  verringert 
wurde,  so  dass  die  letzte  Lage  ganz  aufsaugend  ausfiel. 
Schliesslich  schliff  man  die  Oberfläche  vollständig  glatt. 


Das  Eintreffen  der  Tafeln  in  der  Werkstatt  war  ein 
freudiges  Ereigniss.  Der  Beginn  der  wohl  vorbereiteten 
Arbeit  auf  diesen  schönen,  einladenden  Flächen  ver- 
setzte Marees  immer  in  festtägliche  Stimmung. 


45 


Eine  Malerei  ohne  vorhergegangene  Vorbereitung 
derselben  zu  beginnen , galt  ihm  als  Urgrund  der 
Pfuscherei.  Wie  er  diese  Vorbereitung  verstand  und 
betrieb,  ist  im  vorigen  Kapitel  zu  schildern  versucht 
worden.  « Der  Anfang  ist  das  Schwerste  »,  pflegte  er  zu 
sagen ; aber  wenn  er  an  das  Bild  ging,  hatte  er  den 
Anfang  längst  hinter  sich.  Es  lagen  dann  für  die  Arbeit 
an  der  Tafel  eine  grosse  Menge  von  Zeichnungen  vor : 
die  erwähnten,  meist  zahlreichen  Entwürfe  desselben 
Gegenstandes,  von  denen  einer  der  Malerei  zur  Grund- 
lage diente,  ohne  dass  man  dess wegen  die  anderen, 
welche  viel  brauchbares  enthielten , ganz  zurückgelegt 
hätte ; dann  Studienblätter  für  die  Figuren,  d.  i.  Zeich- 
nungen nach  der  Natur  und  freie  Zeichnungen,  die  theils 
vorher,  theils  nachher  entstanden  waren.  Während  der 
Arbeit  am  Bilde  wurden  grundsätzlich  keine  ergänzenden 
Studien  mehr  vorgenommen.  Auch  von  Denjenigen, 
deren  Arbeit  er  beeinflusste,  setzte  er  voraus,  dass  sie 
mit  ihrer  Vorstellung  zurecht  gekommen  seien,  sobald 
sie  sich  zur  Malerei  anschickten. 

Die  Arbeit  an  der  Tafel  begann  damit,  dass  man 
die  Aufzeichnung  von  dem  Blatte,  welches  als  Grundlage 
diente,  mittelst  proportionirter  Netze  von  Quadraten  oder 
Bechtecken  auf  die  Tafel  übertrug.  Die  Aufzeichnung 
auf  dem  Blatte  (Entwürfe)  war  eine  durchaus  freie. 
Figuren-Studien  nach  der  Natur  waren  entweder  schon 
dazu  benutzt  worden,  oder  man  behielt  die  frei  ent- 
worfene Bewegung  der  Figuren  in  der  Uebertragung 
bei  und  reservirte  die  Benutzung  der  Studien-Blätter 
nach  der  Natur  für  die  Bearbeitung  des  Bildes. 

Die  Uebertragung,  eine  anscheinend  sehr  unter- 


46 


geordnete  Arbeit,  war  Maröes  nicht  leicht  recht  zu 
machen.  Sie  sollte  nichts  Anderes  sein  als  eine  genaue 
Yergrösserung  der  Flächen-Disposition,  aber  sorgsam 
und  mit  Verständniss  ausgeführt  werden.  Er  lehrte  bei 
solchen  Gelegenheiten  seine  Umgebung,  auch  gering- 
fügige künstlerische  Verrichtungen  mit  möglichster  Gon- 
centration und  Ueberlegung  zu  betreiben. 

Die  Uebertragung  erfolgte  in  leichten  Umrisslinien 
mit  weicher  Kohle.  Innere  Formen  wurden  nur  soweit 
angegeben,  dass  man  heim  Auftuschen  sichere  Anhalts- 
punkte vorfand.  Die  Quadrat-Netze  waren  mit  weichem 
Blei  gezogen  worden  und  widerstanden  so  den  Cor- 
recturen  der  in  Kohle  gezogenen  Umrisslinien.  Nach 
der  Uebertragung  war  die  helle  Fläche  der  Tafel  kaum 
alterirt  und  Alles  was  daraut  angegeben  war,  konnte 
mühelos  wieder  entfernt  werden. 

Nun  erfolgte  das  Auftuschen,  eine  Arbeit,  die  Marees 
an  jedem  seiner  Bilder  selbst  vornahm  und  wobei  er 
mit  der  grössten  Freiheit  verfuhr. 

Die  (chinesische)  Tusche  wurde  reichlich  aber  nicht 
zu  dunkel  angerieben  und  mit  spitzem,  weichem  Pinsel 
aufgetragen.  Das  Verfahren  war  durchaus  zeichnerisch, 
d.  h.  es  wurde  mit  der  Tusche  nicht  gemalt  oder  lavirt. 
Die  Arbeit  musste  mit  grosser  Geistesgegenwart  ge- 
schehen ; denn  der  Gyps-Grund  saugt  die  Tusche  sofort 
auf  und  fixirt  die  Linie.  Verfehlte  Angaben  mussten 
vermieden  werden,  denn  sie  lassen  sich  schwer  ent- 
fernen und  geben  auch  dann  der  Tafel  ein  unreines, 
störendes  Aussehen. 

Zum  Auftuschen  wählte  Marees  seinen  Tag ; er  be~ 
durite  dazu , wie  er  sagte  « der  grössten  Sicherheit, 


47 


Ruhe  und  Heiterkeit ».  Er  hatte  dabei  die  Entwürfe  und 
alle  nach  der  Natur  gezeichneten  Studien-Blätter  vor 
sich,  welch’  letztere  ihn  wie  die  Natur  selbst  anmutheten. 

Er  begann  in  grossen  freien  Zügen,  indem  er,  wie 
heim  Zeichnen  mit  dem  Stifte , vor  Allem  die  grossen 
Verhältnisse  von  Gelenk  zu  Gelenk  umriss  und  zunächst 
nur  bei  diesen,  den  Fuss-  und  Aufruhe-Punkten  ver- 
weilte. Sodann  wurden  die  Formen  in  den  Schatten- 
massen skizzirt,  ohne  dass  er  indess  irgendwie  in  die 
Feststellung  von  Ton-Verhältnissen  eingegangen  wäre. 
Immer  nur  die  lebendige  Form  im  Auge  und  im  Gefühl, 
suchte  er  schon  hei  der  Aufzeichnung  nur  das  Spre- 
chende und  Bestimmende,  — Anschlusspunkte,  Ueber- 
schneidungen,  Verkürzungen , — festzulegen.  In  den 
hellen  Plänen  der  Figuren  wurde  kaum  mehr  als  der 
Umriss  flxirt ; im  Hintergründe  gab  er,  wie  bei  der 
Zeichnung,  die  Maass-Verhältnisse,  die  Stämme  und 
Verästungen  der  Bäume,  die  führenden  Linien  des 
Terrains  an.  Die  Luft  sowie  die  ebenen  Pläne  des  Bodens 
und  die  Wasserflächen  wurden  mit  wenigen  horizontalen 
Linien,  Terrainformen  der  vorderen  Pläne  und  ferne 
Bergzüge  mit  schrägen  Linien  skizzirt.  Wolkenzüge  und 
Lu ft-Schattir ungen , welche  er  späterhin  mannigfach 
modifizirte,  pflegte  er  heim  Auftuschen  höchstens  anzu- 
deuten. Geschlossene  Laubpartieen  legte  er  ohne  auf- 
fällige Nuancen  gleich  entschieden  dunkel  an. 

Schliesslich  wurden  die  Figuren  nochmals  mit 
sattem  Pinsel  übergangen  und  in  den  Hauptformen 
energisch  umrissen.  Zuletzt  zog  er  an  dem  Umfange 
der  Tafel  einen  etwa  centimeter  breiten,  dunklen  Rand- 
strich, der  später  hinter  der  Einrahmung  verschwand, 
und  diese  in  den  Anfangs-Stadien  der  Arbeit  ersetzte. 


48 


Marees  hielt  den  Pinsel  beim  Aufzeichnen  mit  der 
Tusche,  sowie  auch  beim  Malen,  mit  den  Fingerspitzen 
an  seinem  äussersten  Ende  und  zeichnete  oder  malte 
frei  aus  der  Schulter  und  dem  Handgelenke  heraus.  Er 
empfahl  diese  Weise  dringend  wegen  der  Entfernung 
des  Auges  von  der  Malfläche  und  der  daraus  hervor- 
gehenden Uebersicht,  dann  wegen  der,  nach  einiger 
Uebung  eintretenden  Leichtigkeit  und  Freiheit  der  Be- 
wegungen. 

Wenn  nach  dem  Auftuschen  der  Bilder  die  Tafeln 
abgeklopft  und  von  den  Spuren  der  Uebertragung  ge- 
reinigt waren,  traten  sie  dem  Beschauer  in  zeichnerisch 
vollendeter  Weise  entgegen.  Es  war  eine  Art  durchaus 
geordneten  und  harmonischen  Abschlusses,  der  dem 
Verständigen,  in  der  richtigen  Entfernung  gesehen, 
eine  hohe,  an  die  Illusion  streifende  Befriedigung 
gewährte. 

In  diesem  fixirenden  Aufzeichnen  hatte  Marees  eine 
ganz  seltene  Meisterschaft  erreicht.  Seine  umfassende 
Kenntniss  und  Beherrschung  der  Figur  und  des  natür- 
lichen malerischen  Hintergrundes,  die  Sicherheit  und 
Ueberlegtheit  der  Anordnung,  sein  bestimmter  ruhiger 
und  heiterer  Willen,  mit  einem  Worte  alle  Züge  seiner 
bedeutenden  künstlerischen  Persönlichkeit  traten  klar 
daraus  hervor.  Hier  war  schon  ein  Positives  geboten. 
Dasselbe  befriedigende  Resultat  kam  nur  erst  wieder, 
durch  die  Malerei  erhöht  und  gesteigert,  in  späteren 
Abschluss-Stadien  zu  Tage.  Denn  zur  vollen  Entwick- 
lung führt  in  der  Kunst  des  Malers  nur  die  Vernichtung 
des  unvollkommenen  Scheines,  zum  vollendeten  Kunst- 
werke nur  die  Zerstörung  der  Skizze. 


49 


Für  Marees  bestand  die  Kunst  des  Malers  in  ihrem 
Wesen  darin,  eine  Fläche  durch  die  an  ihr  vorzuneh- 
menden Operationen  so  umzugestalten,  dass  auf  dersel- 
ben eine  anschauliche  Vorstellung  zu  möglichst  klarer 
und  vollständiger  bildnerischer  Entwicklung  gelange. 

Alle  Kunst  beruhte  für  ihn  auf  Illusion.  Als 
Maass  dieser  Illusion  pflegte  er  zu  bezeichnen,  dass 
die  Darstellung  auf  jeden  Menschen  von  normalem  Seil- 
Vermögen  den  Eindruck  der  Wahrscheinlichkeit 
machen  und  bei  andauernder  Betrachtung  die  Illusion 
bis  zur  Concurrenz  mit  den  Eindrücken  der  lebendigen 
Welt  steigern  solle. 

Die  Kunst  des  Malers  lag  also  für  ihn  gleich  weit 
von  jenen  bildlichen  Nachtäuschungen  der  Natur,  welche 
in  realistischen  Wetteifer  mit  dieser  zu  treten  beabsich- 
tigen, als  von  solchen  freien  Bildnereien,  welche  des 
erforderlichen  Maasses  von  Ueberzeugungskraft  entbehren. 

Er  bestand  aut  Bealismus,  auf  einem  Realismus  indess, 
welcher  nicht  der  blossen  Natur-Nachahmung  entspringt, 
sondern  frei  aus  einem  hochentwickelten  Seh-  und  Vor- 
stell u ngs-V  er m öge n hervorgeht . 

Auf  der  einen  Seite  war  ihm  das  weite  Reich  der 
sich  den  Augen  darbietenden  Aussenwelt  die  einzige 
und  ausschliessliche  Grundlage,  auf  welcher  sich  das 
künstlerische  Seh-  und.  Darstellungs-Vermögen  zu  ent-  fr 
wickeln  hat ; auf  der  anderen  Seite  lagen  für  ihn  in  den 
Mitteln  der  Kunst  im  Allgemeinen  gewisse  Einschrän- 
kungen, welche  in  der  Praxis  zu  Modificationen  der 
Vorstellung  sowohl  als  der  Darstellung  führen,  und  in 
der  Form  von  Kunst-Gesetzen  den  übertriebenen 
Anforderungen  des  Naturalismus  gegenüberstehen. 


4 


so 


Wenn  er  in  Ansehung  der  Kunst  von  Natürlich- 
keit sprach,  so  bezog  er  dies  ebensowohl  auf  den 
Parallelismus  der  Darstellung  mit  den  Gesichtseindrücken 
der  lebendigen  Welt,  als  auf  jene  inneren  und  äusseren 
Vorgänge,  in  welchen  sich  die  künstlerische  Entwicklung 
des  Anschauungs-Vermögens  abspielt,  d.  h.  Natur  war 
ihm  nicht  nur  die  Summe  der  den  Menschen  umgebenden 
Erscheinungen,  sondern  auch,  und  zwar  in  erster  Linie 
dieser  Mensch  selbst  mit  der  ihm  eingeborenen 
Kraft  und  Gesetzmässigkeit  des  Anschauungs-  und  Ge- 
staltungs-Triebes. 

Seine  Ansichten  von  Natürlichkeit  zielten  überall 
auf  das  Normale,  und  indem  er  das  Normale  der 
künstlerischen  Thätigkeit  in  dem  Umsetzungs-Prozesse 
erkannte,  der  die  Vorstellung  in  wirkliche  Gestalt  ver- 
wandelt, leitete  er  daraus  auch  die  Grund-Prinzipien 
für  den  Gebrauch  und  die  Anwendung  der  Kunst-Mittel, 
des  Materiales  her.  Er  ordnete  sich  demselben  in- 
soferne  unter,  als  er  die  Einschränkungen  anerkannte, 
welche  in  der  Natur  des  Maler-Materiales  im  Allgemeinen 
liegen,  und  als  er  sich  demnach  hütete,  Aufgaben  lösen  zu 
wollen,  zu  welchen  diese  Mittel  nicht  reichen.  Er  for- 
derte aber  andrerseits  auf  das  Bestimmteste,  dass  das 
Material  dem  künstlerischen  Gestaltungs-Prozesse  diene. 
Desshalb  lehrte  erzwar,  dass  nichts  den  Takt  des  Künstlers 
so  sehr  herausfordere,  als  die  Art  und  Weise  wie  er 
seine  Mittel  verwende.  Die  Bescheidenheit  sei  hier 
allemal  die  grösste  Tugend  des  Malers.  Dagegen  war 
es  aber  seinem  künstlerischen  Naturell  durchaus  zuwider, 
den  Widerstand,  welchen  das  Material  der  gestaltenden 
Hand  entgegensetzt,  durch  handwerksmässige  Uebungen 


51 


und  Geschicklichkeiten  überwinden  zu  wollen.  Daraus 
entstehe,  sagte  er,  die  Mache  um  der  Mache  willen.  «Die 
Mache  soll  im  Kunstwerke  verschwinden  und  in  der 
Vorstellung  untergehen  ».  Die  Geschicklichkeit  der 
Alten  unterscheide  sich  von  der  der  Neuen  dadurch, 
dass  sie  auch  für  den  Sachverständigen  ein  ewiges 
Geheimniss  bleibe,  während  die  andere  sich  dem  Auge 
aufdränge.  Das  Gopiren  von  Meisterwerken  sei  ohne 
Nutzen  für  die  künstlerische  Entwicklung  des  Copirenden, 
wenn  es  auf  Herstellung  von  Facsimile,  auf  Auffindung 
von  Mal-Rezepten  ausgehe  ; der  einzig  mögliche  Nutzen 
liege  in  der  künstlerisch  freien  Wiedergabe  des  Origi- 
nales. Und  dergleichen  mehr. 

Die  Verwendung  des  Materiales  sollte  also  mit  der 
künstlerischen  Entwicklung  der  Vorstellung  durchaus 
Hand  in  Hand  gehen,  ihrer  Ausgestaltung  nach  Massgabe 
der  Entwicklung  dienen.  Aus  diesem  Grunde  gab  Marees 
unter  den  mannigfach  zu  bereitenden  Maler-Farben  den- 
jenigen den  Vorzug,  deren  Bindemittel  sie  besonders 
geeignet  macht,  ebensowohl  zeichnender  als  malender 
Weise  verwendet  zu  werden,  welche  ferner  am  meisten 
entwicklungs-  und  umbildungsfähig  sind  und  sich  dauernd 
und  ohne  störende  Unterbrechung  bearbeiten  lassen. 

Dies  sind  die  Ei-Tempera  und  Firniss-Oelfarben. 

Der  Haupt-Unterschied  zwischen  beiden  liegt  in 
ihrem  verschiedenen  Umfange.  Gegen  das  Licht  hin 
haben  sie  nahezu  dieselben  Grenzen  ; in  den  tiefen  und 
satten  Tönen  aber  reicht  die  Firniss-Oelfarbe  unver- 
gleichlich weiter. 

Nun  ist  es  eine  bekannte  Thatsache,  dass  der  Um- 
fang der  Palette  im  Allgemeinen  gegenüber  den  Licht- 


52 


und  Farben-Wirkungen  in  der  Natur  ein  sehr  geringer 
ist,  und  wer  in  diesem  Umstande  einen  Fingerzeig  sieht, 
bei  jeder  künstlerischen  Darteilung  im  Interesse  der 
Kraft  und  Lebendigkeit  die  Palette  in  ihrem  ganzen 
Umfange  auszunützen , der  wird  auch  dem  umfang- 
reichsten Materiale,  welches  unzweilelhalt  die  Firniss- 
Oel färben  sind,  den  Vorzug  geben. 

Das  scheint  denn  auch  der  Grund  gewesen  zu  sein, 
der  Marees,  trotz  seiner  sonstigen  Vorliebe  für  die  Ei- 
Tempera,  immer  wieder  zur  Firnissfarbe  zurückgeführt 
hat.  Er  hat  sich  oft  dahin  ausgesprochen,  dass  er  den 
Hass  Michel  Angelo’s  gegen  die  Oelfarbe  begreife  und 
tlieile ; — dass  mit  dieser  die  Unklarheit  und  das  ganze 
Unheil  der  Bilder-Malerei  in  die  Welt  gekommen  sei. 
Trotzdem  aber  verleitete  ihn  der  Umfang  und  die  tiefe 
Transparenz  der  Firniss-Oelfarbe  immer  wieder  von 
Neuem,  die  wahrhaft  herrlichen  Resultate,  welche  er  in 
der  Ei-Tempera  erzielt  hatte,  durch  Ueberarbeitungen 
mit  dem  anderen  Materiale  in  Frage  zu  stellen,  ja  zum 
Theile  für  immer  zu  zerstören. 

Es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  die  Behandlung  der 
Ei-Tempera  wegen  gewisser  Missstände  ein  noch  unge- 
löstes Problem  darstellt.  Nichts  destoweniger  hat  dieses 
Material  im  Verlaufe  der  Bemühungen  Maröes’  so  kost- 
bare Eigenschaften  entwickelt,  dass  es  wohl  wie  kein 
anderes  dazu  geschaffen  erscheint,  gerade  denjenigen 
Bestrebungen  zu  dienen,  welche  Marees’  künstlerische 
Richtung  bezeichnen. 

Maröes  hat  in  den  letzten  Jahren  alle  seine  Bilder 
ohne  Ausnahme,  darunter  besonders  jene  im  Sinne  der 
Wand-Malerei  gehaltenen  Bilderreihen,  in  Ei-Tempera 


53 


begonnen  und  so  weit  ausgeführt,  dass  ein  Theil  davon 
in  gewissen  Stadien  als  ein  Abgeschlossenes  gelten 
konnte.  Desshalb  soll  in  Folgendem  hauptsächlich  von 
der  Ei-Tempera -Malerei  die  Rede  sein. 

Es  sei  gestattet,  hier  eine  persönliche  Erinnerung 
vorzubringen,  welche  nur  wenige  Personen  theilen. 

Im  Winter  1880—1881  hat  Marees  mehrere  grössere 
Arbeiten  in  Ei-Tempera  ausgeführt,  worunter  ein  drei- 
teiliges Wandbild,  welches  die  Helena-Legende  zum 
Gegenstände  hatte  und  folgendermassen  angeordnet  war. 
Das  breite  Mittelbild  stellte  die  drei  sich  um  den  Apfel 
bewerbenden  Göttinnen  (ohne  Paris!)  in  einem  Haine 
dar.  Die  Figuren  waren  in  aufrechter  Stellung  und  ohne 
Attribute.  Das  eine  Flügelbild  zeigte  den  zum  sitzenden 
Paris  herabschwebenden  Hermes,  das  andere  die  Flucht 
der  Helena  in  Form  einer  Einschiffung.  Die  decorative 
Umgebung  der  Gemälde  bildete  eine  tiefrothe  Wand, 
welche  mit  feinen  Säulchen  geziert  war.  Am  Fusse  der- 
selben, nahe  an  den  Ecken  der  Gemälde,  standen  und 
sassen  sechs  Putten.  Der  Architrav,  der  nach  oben  hin 
einen  gemeinsamen  Abschluss  bildete,  war  mit  Kränzen 
ausgeschmückt.  Diese  Arbeit  war , ehe  sie  Marees 
mit  Firnissfarbe  überging,  von  einer  solchen  Schönheit, 
dass  sich  Niemand,  der  sie  in  diesem  Zustande  gesehen 
hat,  ihrem  Zauber  entziehen  konnte.  Die  Kinder  an  den 
Säulen,  in  decorativem  Sinne  gemalt,  so  frisch  und 
lebendig  und,  trotz  der  blossen  Ei-Tempera,  von  einer 
solchen  Kraft  in  der  Erscheinung,  dass  sie  sich  dreist 
neben  die  besten  Leistungen  der  Bologneser-Schule 
stellen  konnten.  Die  Figuren  der  Bilder  aber  konnte 
man  schlechthin  mit  nichts  vergleichen.  Man  konnte 


54 


sich  nur  vorstellen,  dass  etwa  die  griechischen  Meister, 
denen  die  pompejanischen  Handwerker  ihre  Darstel- 
lungen entlehnten,  ähnlich  gemalt  haben  müssten. 

Genau  dasselbe  war  im  Winter  1884—1885  mit 
dem  dreitheiligen  Hesperiden-Bilde  der  Fall,  welches  in 
den  Fiedler’schen  Lichtdruck-Tafeln  die  Nummern  5 u.  6 
trägt.  Nur  kam  hier  die  Kunst  Marees  in  ihren  rein 
bildnerischen  Absichten  noch  voller  und  klarer  zum 
Ausdrucke. 

Und  diese  in  ihrer  Art  ganz  gewiss  einzigen  Leis- 
tungen sind  für  immer  dahin ! — Wer  mag  über  dieses 
merkwürdige  und  tieftraurige  künstlerische  Phänomen 
urtheilen?  — Mardes  duldete  keinen  Einspruch  in  sein 
Gebahren.  Das  Urtheil  Anderer,  mochten  es  seine 
treuesten  und  ergebensten  Freunde  und  Anhänger,  ja 
mochten  es  bewährte  Künstler  sein,  war  kein  Massstab 
mehr  für  ihn.  Alles  Verständnis  Anderer  war  für  ihn 
fraglich  geworden.  Denn  « für  das  künstlerische  Ver- 
ständnis »,  pflegte  er  zu  sagen,  « gibt  es  nur  Ein  voll- 
gültiges Zeugnisse  die  gleichwerthige  künstlerische 
Leistung  ». 


Die  Ei-Farben  wurden,  zu  jedesmaligem  Gebrauche 
besonders,  in  der  Werkstatt  angerieben. 

Ihre  Herstellung  ist  sehr  einfach : die  trockenen 
Farben  werden  auf  dem  Steine  mit  Ei-Dotter  (von 
welchem  man  die  Ei-Kläre  sorgfältig  entfernt  hat)  unter 
Zusatz  von  Wasser  zu  butterartiger  Gonsistenz  fein 
verrieben  und  auf  die  Palette  aufgesetzt. 


55 


Oft  werden  vortreffliche  Absichten  aus  keinem  anderen 
Grunde  aufgegeben,  als  weil  die  damit  verbundenen  Um- 
ständlichkeiten des  handwerklichen  Apparates  unüberwindlich 
oder  des  Mühe-  und  Zeit-Aufwandes  nicht  werth  erscheinen. 
Desshalb  sei  hier  durch  eine  möglichst  pedantische  Beschrei- 
bung dargethan,  wie  einfach  das  Anreiben  der  Eifarben  ist. 

Man  braucht  dazu  : 

Einen  Reibstein  mit  dazu  gehörigem  Läufer,  beides 
aus  demselben  Material , am  besten  aus  Porphyr.  Marmor 
färbt  sich  und  wird  unrein.  MattgeschlifFene  Glasplatte  mit 
ebensolchem  Läufer  überall  leicht  zu  beschaffen  und  voll- 
kommen genügend. 

Die  trockenen  Farben  in  Schachteln  oder  ge- 
schlossenen Gläsern,  sind  meist  schon  durch  das  Schlämmen 
in  fein  vertheiltem  Zustande,  Erdfarben  in  Körnern  und 
Hütcheu,  Mineral-Farben  in  Pulverform.  Farben,  die  wie  das 
gute  Cremser-Weiss  in  grösseren  festen  Stücken  im  Handel 
sind,  werden  in  einem  Mörser  oder  mit  dem  Hammer  ver- 
kleinert. (Beim  Zerlheilen  vou  Bleiweiss  hüte  man  sich  vor 
den  Splittern  und  Stäubchen,  welche  starke  Uebelkeiten  ver- 
anlassen können). 

Den  Eidotter.  Er  soll  frisch  und  hellgelb  sein;  dunkle 
Dotter  färben  die  gegen  gelb  heiklen  Pigmente  (weiss,  blau) 
merklich.  Der  Dotter  wird  sorgfältig  von  der  Eikläre  getrennt; 
am  zweekmässigsten  in  einem  ziemlich  engen  und  tiefen 
Gefäss  (Salbentiegel),  bereit  gehalten.  Man  rührt  ihn  mit  einem 
Stäbchen  etwas  um,  damit  er  eine  gleichmässige  Flüssigkeit 
bilde.  Man  setzt  1 — 2 Tropfen  Essig  als  Schutz  gegen  Fäul- 
niss  zu , was  den  Dotter  auch  etwas  dünnflüssiger  macht 
und  seine  Oberfläche  im  Gefässe  nicht  so  rasch  erstarren  lässt. 
So  hergerichteter  Dotter  kann  mehrere  Tage  dienen.  Man 
bewahre  ihn  bedeckt  auf. 

Reines  Wasser  als  Verdünnungsmittel  in  einem 
Fläschchen,  in  dessen  Kork  man  ein  dünnes,  zugespitztes 
Glasröhrchen  (Tropfenzähler)  eingelassen  hat.  Dient  später 
auch  zum  Befeuchten  der  Farben  auf  der  Palette. 


56 


Wasser  zum  Waschen  mit  Schwamm  in  einer  Schüssel. 

Spagdel  (Palettmesser). 

Mehrere  leinene  Lappen. 

Um  das  Anreiben  am  geschicktesten  auszuführen,  lege 
man  den  Reibstein  auf  fester,  etwa  tischhoher  Unterlage  vor 
sich  hin,  stelle  dahinter  die  Farben,  das  Gefäss  mit  dem 
Eidotter  und  das  Wasserfläschchen,  und  halte  zur  einen 
Seite  die  Waschschüssel,  zur  anderen  die  Palette  bereit. 

Die  Farben  sollen  gleichmässig  dickflüssig,  etwa  in  der 
Consistenz  von  Butter,  angerieben  werden.  Sie  dürfen  auf  der 
Palette  nicht  laufen. 

Verschiedene  Farben  erfordern  verschiedene  Mengen  von 
Binde-Mittel  (Ei);  beispielsweise  in  Gewichtsthei len  und 
annähernd:  Cremser-Weiss  */10,  Ultramarin,  rothes  Eisen- 
oxyd 3/10,  rolher  Ocker  5/10,  die  gelben  Ocker  7— -8|10, 
grüne  und  gebrannte  grüne  Erde  10  — l5j,0,  gebrannte  terra 
di  Siena  beiuahe  20|10,  also  das  Doppelte  ihres  Gewichtes. 
Dem  Volumen  nach  gleichen  sich  diese  Verhältnisse  sehr 
aus  und  die  Praxis  stellt  sie  rasch  fest. 

Man  verfährt  am  besten,  indem  man  eine  kleine  Menge 
der  trockenen  Farbe  auf  den  Reibslein  bringt,  mit  dem 
Läufer  zerdrückt,  dann  mit  Wasser  bespritzt  und  zu  eiuem 
groben  Brei  zerreibt.  Hierauf  setzt  man  mit  der  Spagdel 
eine  angemessene  Menge  Ei  zu  und  reibt,  mit  Läufer  und 
Spagdel  handtireud,  so  lange  fort,  bis  kein  Korn  mehr  in  der 
dickflüssigen  Farbe  wahrzunehmen  ist. 

Wenn  der  Brei  zu  dick  gerathen  will,  setzt  man  während 
des  Reibens  tropfenweise  Wasser  zu;  geräth  er  zu  dünn, 
trockene  Farbe  und  wenn  nöthig  auch  vom  Ei. 

Zu  wenig  Ei  macht  die  Farbe  auf  der  Malfläche  ganz 
hell  auflrocknen;  sie  lässt  sich  dann  mit  dem  Finger  abreiben 
und  ist  hinterdrein  oft  schwer  mit  dem  Bindemittel  zu  nähren 
(kommt  namentlich  bei  hellblauem  Ultramarin  vor). 

Zu  viel  Ei  macht  die  Farbe  speckig  und  in  der  Be- 
handlung mit  dem  Pinsel  unangenehm. 


57 


Es  geschieht  weit  häufiger,  dass  man  zu  viel,  als  dass 
man  zu  wenig  Ei  nimmt. 

Wenn  eine  Farbenmenge  gehörig  bereitet  scheint,  schabt 
man  sie  mit  der  Spagdel  auf  dem  Reibsteine  zusammen,  und 
setzt  sie  auf  die  Palette,  wo  sie  ein  ziemlich  consistenles 
Päckchen  bilden  soll. 

Nach  dem  Anreiben  jeder  Farbe  werden  Reihslein, 
Läufer  und  Spagdel  mit  dem  Schwamme  gewaschen  und  mit 
den  Lappen  gut  abgetrocknet. 

Für  den  Geübten  genügen  bei  guter  Einrichtung  oft 
nur  wenige  Gänge  mit  dem  Läufer,  um  eine  Farbe  in  nicht 
zu  grosser  Menge  anzureiben.  Zur  Herrichtung  der  einfachen 
Palette  für  Garnation  und  Landschaft  genügt  nach  kurzer 
Uebung  etwa  eine  halbe  Stunde. 

Grüne  Erde  und  gebrannte  grüne  Erde  erfordern  wegen 
ihrer  eigenlhümlich  fettigen  Beschaffenheit,  Cremser-Weiss  und 
Schwarz  wegen  der  Nothwendigkeit  einer  äusserst  feinen 
Zerlheilung,  mehr  Zeit,  als  die  Ocker,  Eisenoxyde  und  Ultra- 
marin, welche  sehr  schnell  zubereilet  sind. 

Angeriebene  Eifarben  lassen  sich  des  Winters  über  Nacht 
gut  erhalten,  wenn  man  sie  auf  der  Palette  mit  einem 
feuchten  Lappen  bedeckt,  den  man  dicht  an  sie  legt,  und 
dann  stark  nässt.  Des  Sommers  sind  sie  schwer  von  einem 
Tag  zum  andern  brauchbar  zu  erhalten  und  müssen  auch 
während  der  Arbeit  oft  benetzt  werden. 

Die  trockenen  Farben  blos  mit  Wasser  anzureiben  und 
während  der  Arbeit  mit  dem  Pinsel  Ei  beizumischen,  ist 
durchaus  schädlich,  weil  dieses  Zuselzen  nie  gleichmässig 
erfolgen  kann,  daher  die  Behandlung  unangenehm  macht 
und  die  Dauerhaftigkeit  der  Malerei  ernstlich  iu  Frage  stellt. 


Der  Eidotter  ist  ein  fettiger  Körper,  welcher  die 
Eigenschaft  hat,  sich  im  Wasser  zu  lösen.  In  verdünnter 
Schichte  aufgetragen  trocknet  er  fast  augenblicklich  auf. 


58 


In  dicker  Schichte  trocknet  er  an  der  Oberfläche  in 
relativ  kurzer  Zeit  auf,  die  sich  unter  den  ungünstigsten 
Verhältnissen  höchstens  auf  Stunden  erstreckt.  Voll- 
kommen scheint  aber  der  Trocknungs-Prozess  erst  binnen 
Monats-  und  Jahresfrist  vor  sich  gegangen  zu  sein. 
Wenigstens  hat  die  Erfahrung  gelehrt,  dass  Bilder,  welche 
im  Interesse  der  Ueberarbeitung  mit  Oelfarben  vorzeitig 
gefirnisst  werden,  bald  zu  Grunde  gehen. 

Die  Eifarbe  hat  den  Wasserfarben  ähnliches  offenes 
Licht  und  matten,  den  Wachsfarben  ähnlichen  Glanz. 
Auch  ganze  Farben  scheinen  mild  daher  und  bekommen 
niemals  den  unangenehm  spitzigen  Accent  ganzer  Farben 
in  der  Oel-Malerei. 

Die  Lasur  hat  einen  eigenthümlich  milden  Charakter, 
wirkt  niemals  brandig,  und  kann  desshalb  in  Abwechs- 
lung mit  halb  deckender  Farbe  viel  freier  und  ausgiebiger 
verwendet  werden,  als  dies  in  der  Oel-Malerei  der 
Fall  ist. 

In  der  Anwendung  auf  hellem  Grunde  wird  die 
Eifarbe  in  den  ersten  Stadien  wie  Wasserfarbe  gebraucht, 
d.  h.  mit  Wasser  stark  verdünnt.  Sodann  werden  die 
Deckfarben  wie  Guaclie  verwendet,  wobei  besonders 
hervorzuheben  ist,  dass  es  in  der  Ei-Tempera  keine 
vollständig  deckenden  Pigmente  gibt , dass  also  die 
starken  Lichtwirkungen  durch  wiederholtes  Aufhöhen 
entstehen  müssen.  Im  weiteren  Verlaufe  der  Arbeit 
werden  die  Farben  nach  allen  ihren  Charakteren  als 
Lasur,  halbe  Deckfarbe  und  ausgiebiger  deckend  ver- 
wendet. 

Die  Haupt-Schwierigkeiten  in  der  Anwendung  ent- 
springen aus  dem  Reissen,  welches  unfehlbar  bei  Ge- 


59 


brauch  von  zu  vielem  Wasser,  und  aus  dem  Einschlagen 
(Blindwerden),  welches  bei  zu  geringem  Gebrauche  von 
Ei  eintritt.  Ersteres  lässt  sich  leicht  vermeiden,  Letzteres 
durch  Frottiren  mit  verdünntem  Eidotter  hintanhalten, 
wobei  man  nur  die  Vorsicht  zu  gebrauchen  hat,  dass 
man  das  Trocknen  abwartet,  ehe  man  die  betreffenden 
Stellen  oder  das  ganze  Bild  übermalt.  (Für  den  Schluss 
der  Tages- Arbeit  zu  empfehlen.) 

Aus  dieser  Beschaffenheit  der  Eifarben  geht  hervor, 
dass  sie  sich,  ähnlich  den  Kalkwasser-Farben,  zur  Wand- 
Malerei  vorzüglich  schicken,  aber  diesen  gegenüber  eine 
ausserordentliche  Entwicklung^-  und  Umbildungs-Fähig- 
keit für  sich  haben.  Sie  eignen  sich  ferner  besonders 
zu  einer  zeichnerischen,  die  Entwicklung  der  Formen- 
Vorstellung  begünstigenden  Behandlung  und  lassen  wie 
kein  anderes  Farben-Material  zu,  dass  man  das  Bild 
stets  im  Ganzen  bearbeitet.  Endlich  machen  sie  es 
möglich,  mit  bescheidenen  Mitteln  starke  Wirkungen  zu 
erzielen  und  die  Palette  wesentlich  zu  vereinfachen. 


Beim  malerischen  Verfahren  Marees’  stand  die  Farbe 
ausschliesslich  im  Dienste  der  Form-  und  Baumbil- 
dung,  und  aus  dieser  Beziehung  haben  sich,  in  Ver- 
bindung mit  der  eingangs  erwähnten  ununterbrochenen 
Natur-Beobachtung,  seine  coloristischen  Grundsätze 
entwickelt. 

Es  sollen  einige  der  vornehmsten  folgen,  wie  sie 
sich  aus  dem  Verkehre  in  der  Werkstatt  und  unter 
offenem  Himmel  darstellten. 

★ 

* * 


60 


Alle  Farbe  ist  relativ  und  in  erster  Linie  von  ihrer 
Nachbarschaft  abhängig.  In  der  Natur  wechselt  sie 
ausserdem  mit  jeder  Stunde  des  Tages  und  mit  den 
unaufhörlichen  Veränderungen  der  Atmosphäre,  durch 
welche  das  Sonnenlicht  dringt.  Hinsichtlich  der  Farbe 
kommt  Alles  auf  feinste  Nuancen  an.  Farben-Erfahrungen 
an  der  Natur  lassen  sich  nur  durch  freie  Beobachtung 
machen.  Im  Kunstwerke  kann  die  Farbe  nur  frei  ver- 
wendet werden. 

★ 

* ■¥■ 

Farbe  ist  Licht.  Wo  Farbe  ist,  ist  also  Licht,  ein 
Farbiges  niemals  finster,  sondern  nur  eine  Abstufung 
zur  Dunkelheit,  ein  Ton.  Töne  bringen  in  der  male- 
rischen Darstellung  die  plastische  Form,  die  Illusion  des 
Raumes  zu  Stande. 

★ 

* * 

In  der  Natur  ist  Alles  larbig.  Auch  die  tiefsten 
Schatten  sind  colorirt.  Also  ist  überall  Licht.  Demnach 
muss  die  Darstellung  ihre  absoluten  Dunkelheiten  für 

kleinste,  zeichnerisch  verwendete  Portionen  sparen. 

★ 

* * 

Jede  satte  Farbe  hat  schattigen  Charakter.  Also  ist 

das  offene  Licht  der  Natur  immer  Helldunkel. 

★ 

V-  * 

Sonne  kann  man  nicht  malen,  wenn  man  es  auf 
klare  Formen-Darstellung  abgesehen  hat.  Denn  wenn 
man  Sonne  malen  will,  gehen  alle  Mittel  der  Palette  auf 
den  Sonnen-Effekt , der  die  Form  zerreisst.  Sonnig 
dagegen  wirkt  jedes  gut  dargestellte  Helldunkel. 


61 


Im  Helldunkel  ist  Gelb  höchstes  Licht  und  Grün 
allemal  dunkel.  Daher  der  warme  General-Ton  guter 
Bilder. 

★ 

-¥■  -¥■ 

Grau  entsteht  im  Helldunkel  durch  Mischung  oder 
Uebereinanderlegen  complementärer  Farben.  Farbiges 
Grau  zeigt  den  Meister. 

★ 

¥ ¥ 

Ein  jeder  ausgebreitete  Mittelton  wirkt  hell. 

★ 

* * 

Die  starken  Farben  stehen  in  der  Mitte  des  Gesichts- 
feldes, Grau  an  seinem  Rande.  So  sei  es  auch  im 
Bilde. 

★ 

* •¥• 

Das  Incarnat  der  weissen  Raee  dankt  seine  Farbe 
dem  unter  der  Haut  circulirenden  Blute.  Es  ist  also 
immer  Roth  dabei.  Desshalb  haben  die  Alten  die  Fleisch- 
töne grün  untermalt  oder  aus  der  complementären 
Gruppe  Grün-Roth  heraus  gemalt. 

★ 

/ ¥ 

Die  Luft  unterscheidet  sich  von  allen  anderen  Er- 
scheinungen der  offenen  Landschaft  dadurch,  dass  sie 
Blau  enthält.  Dieser  Bedingung  Genüge  getlian,  kann 
man  für  die  Luft  alle  Töne  verwenden.  Grau  in  der 
Luft  entsteht  aus  Blau-Braun  von  selbst. 

★ 

* •¥■ 

Und  zum  Schlüsse  eine  Betrachtung,  die  Marees  vor 
der  Natur  häufig  anzustellen  pflegte. 

«Die  nackte  menschliche  Figur,  sagte  er,  steht  in 
Ansehung  ihres  Colorites  gegen  beinahe  alle  anderen 


62 


Natur-Erscheinungen  zurück,  am  meisten  gegen  den 
strahlenden  Glanz  der  Luft,  aber  auch  gegen  die  satten 
Töne  der  Vegetation  und  des  Erdbodens,  ja  schliesslich 
gegen  jede  Blume.  In  der  wirklichen  Erscheinung  ist 
aber  der  Mensch  für  diesen  Nachtheil  durch  ein  Anderes 
entschädigt : er  bewegt  sich  und  zeigt  in  den  Bewe- 
gungen das  feine  Spiel  seiner  Organisation.  Weil  wir 
nun  in  der  Darstellung  die  Bewegungen,  welche  wir 
den  Figuren  geben,  so  einrichten  müssen,  dass  das 
Verharren  in  denselben  natürlich  aussehe,  so  dürfen 
wir  kein  Mittel  versäumen,  den  Figuren  zum  Scheine 
jenes  Lebens  zu  verhelfen,  das  sie  in  der  Wirklichkeit 
auszeichnet.  Wir  werden  also  auch  die  ganze  Kraft 
des  formbestimmenden  und  belebenden  Golorites  er- 
setzen , um  ihnen  das  gebührende  Uebergewicht  zu 
geben.  Wir  werden  in  dieser  Absicht  durch  das  dem 
Seh-Organe  innewohnende  Gesetz  unterstützt,  dass  das 
Auge  nur  diejenigen  eng  begrenzten  Erscheinungen  klar 
und  deutlich  unterscheidet,  auf  welche  eben  die  Auf- 
merksamkeit gerichtet  ist , während  die  Umgebung  dieser 
Erscheinung  sich  in  mehr  oder  weniger  undeutlichen 
Schein  auflöst.  » 

In  dieser  Betrachtung  liegt  vielleicht  das  künst- 
lerische Correctiv  für  die  hypernaturalistischen  Bestre- 
bungen der  modernen  Freilicht-Malerei. 


Marees’  Palette  war  ausserordentlich  einfach.  Sie 
enthielt  zu  Beginn  der  Arbeit  ausser  Weiss  und  Schwarz 
nur  6 Farben , nämlich : 

helle  (Veroneser)  grüne  Erde* 


63 


dieselbe  gebrannt, 

hellen  gelben  Ocker, 

hellen  rothen  Ocker  (terra  di  Pozzuoli), 

hellblauen  Ultramarin  und 

Eisenroth  (violettes  Eisenoxyd). 

Später  kamen  noch  6 Farben  dazu : 

Goldocker, 

gebrannte  terra  di  Siena, 
terra  d’Umbra, 
dieselbe  gebrannt, 

Krapplack, 

Smaragd-Grün  (vert  d’Emeraude). 

Marees  war  nämlich  der  Ansicht,  dass  man  die 
durch  chemische  Fabrikation  hergestellten  Mineral-Farben, 
wegen  ihres  unangenehm  spitzigen  Farben-Charakters, 
womöglich  ganz  vermeiden  solle.  Von  den  oben  genannten 
Farben  gehören  nur  der  blaue  Ultramarin  und  das 
Smaragdgrün  in  diese  Gruppe.  Ersterer  lässt  sich  durch 
keine  natürliche  Erdfarbe  ersetzen ; Smaragdgrün  kann 
entbehrt  werden.  Wenn  man  es  weglässt,  so  ist  die 
obige  Palette  auch  nach  den  Anforderungen  der  Farben- 
chemie tadellos,  d.  h.  die  darauf  befindlichen  Farben 
erleiden  weder  durch  das  Bindemittel,  noch  durch  den 
Einfluss  der  Atmosphäre,  noch  durch  beliebige  Mischung 
untereinander  irgend  welche  Veränderungen. 


Das  Mal-Verlahren  Marees’  wird  im  Allgemeinen 
am  besten  charakterisirt,  wenn  man  sagt : er  malte  wie 
er  zeichnete.  Er  verfolgte  beim  Malen  genau  dieselben 
künstlerischen  Absichten  wie  beim  Zeichnen,  nur  dass 


64 


jetzt  andere  Mittel  zur  Anwendung  kamen,  Mittel  welche 
es  möglich  machten,  die  dem  Unternehmen  zugrunde 
liegenden  Vorstellungen  einer  höheren  Entwicklung  zu- 
zuführen, und  die  Illusion,  welche  das  Ergebniss  der 
künstlerischen  Arbeit  sein  soll,  bis  an  ihre  letzten 
Grenzen  zu  steigern. 

Nach  vorausgegangener  Uebertragung  der  durch 
das  Zeichnen  gewonnenen  Resultate  auf  die  Bildtafel 
war  das  Malen  die  natürliche  Fortsetzung  des  Zeichnens. 
Die  Arbeit  wurde  mit  dem  Pinsel  eben  dort  wieder 
aufgenommen,  wo  Marees  sie  verlassen  hatte,  als  er  den 
Stift  aus  der  Hand  legte. 

Sein  künstlerisches  Verhalten  blieb  also  beim 
Malen  durchaus  dasselbe  wie  beim  Zeichnen.  Er  ver- 
wendete die  Farbe  nur  zur  Weiterentwicklung  seiner 
plastischen  Vorstellungen,  zur  Durchbildung  der  Form, 
und,  technisch  genommen,  in  durchaus  zeichnerischer 
Weise. 

Zu  Beginn  der  Arbeit  brachte  Marees  einen  Vorgang 
in  Anwendung,  welcher  von  diesem  Prinzipe  abzuweichen 
scheint.  Er  luib  nämlich  damit  an,  dass  er  die  weisse 
Bildtafel  zunächst  ohne  Verstärkung  der  plastischen 
Formen  in  Farbe  setzte.  Das  war  aber  nichts  weiter, 
als  ein  erstes  Illuminiren  der  Aufzeichnung,  welche, 
da  sie  kräftig  in  Tusche  ausgeführt  worden  war,  nicht 
aufhörte,  durch  die  transparente  Farbe  hindurchzuwirken. 
Dieses  amängliche  Coloriren  leitet  sich  aus  der  schon 
oben  erwähnten  Eigenschaft  der  Eifarbe  her,  welche  es 
möglich  macht,  sie  wie  Wasserfarbe  zu  verwenden. 
Das  Licht  wird  dabei  vom  weissen  Malgrunde  herge- 
geben und  das  Verfahren  ist  nichts  Anderes,  als  eine 


65 


vorläufige  Veränderung  des  weissen  Lichtes  in  farbiges. 
Marees  nannte  das  « die  Aufzeichnung  in’s  Farbige  mo- 
difiziren  ». 

Hiezu  wurden  zu  allererst  die  Figuren  mit  einem 
einfachen,  nach  der  Natur  des  Materiales  mehr  oder 
weniger  transparenten  Garnations-Tone  überzogen.  Waren 
mehrere  Figuren  da,  so  wechselte  der  Farbenton  nach 
den  beabsichtigten  coloristischen  Beziehungen  der  Figuren 
untereinander  und  zu  den  Plänen  des  Bildes.  Roth  war 
allen  gemeinsam.  Männliche  Figuren  des  ersten  Planes 
liebte  Marees  von  Anfang  an  in  starke  positive  Töne 
zu  setzen.  Er  nahm  dann  zur  ersten  Anlage  terra  di 
Pozzuoli  mit  hellem  Ocker  oder  gebrannter  grüner  Erde, 
welche  Mischungen  in  der  Ei-Tempera  ein  sehr  bril- 
lantes, helleres  oder  tieferes  Orange  ergeben,  das  mit 
Wasser  in  beliebig  dünner  Schichte  aufgetragen  werden 
kann. 

Marees  verwendete  grosse,  langhaarige,  runde 
Borstenpinsel,  wie  sie  in  der  Fresko-Malerei  gebräuch- 
lich sind,  weil  diese  die  meiste  Flüssigkeit  lassen  und 
sich  gut  zum  zeichnenden  Verfahren  schicken.  Wenn 
er  eine  Figur  in  Ton  setzte,  bestrich  er  sie  von  oben 
herab  in  raschen  langen  Zügen  aus  dem  Schultergelenke, 
den  Pinsel  an  seinem  äussersten  Ende  und  senkrecht 
gegen  die  Tafel  haltend,  ohne  sich  mit  dem  gleich- 
mässigen  Vertheilen  der  Farbe  viel  zu  befassen.  Es  war 
immer  die  ganze  Figur,  die  diesen  ersten  General-Ton 
erhielt,  farbige  Gewänder  oft  mit  einbegriffen. 

Für  weiter  zurückstehende  Figuren  pflegte  er  den 
röthlichen  Ton  mit  grüner  Erde  etwas  in’s  Graue,  für 
weibliche  Figuren  mit  etwas  Weiss  ins  Bläuliche  (Rosa- 

5 


66 


rothe)  zu  brechen.  Waren  mehrere  weibliche  Figuren 
da,  so  unterschied  er  sie  nach  Plänen  oder  anderweitigen 
coloristischen  Absichten  durch  Nuancirungen  des  Tones, 
die  gleich  ziemlich  kräftig  angegeben  wurden. 

Nun  colorirte  er  sofort  den  Hintergrund  mit  ganzen, 
zum  Theile  sehr  satten  Farben.  Es  erschienen  dann  als 
erste  Untermalung  der  Luft  reine  Ultramarin-Töne, 
gegen  den  Horizont  hin  öfters  starkes  Orange,  in  den 
hellen  Partieen  zuweilen  reiner  Ocker,  gegen  den  Zenith 
hin  blaugrüne  oder  röthlichbraune  Lagen,  — etwa  wie 
ein  Aquarell-Maler  in  starkfarbiger  Absicht  verführe, 
wenn  er  nicht  der  ausgleichenden  trüben  Medien  der 
späteren  Ueberarbeitung  entbehrte. 

Ultramarin  war  allemal  der  Grundton  für  den 
grössten  Theil  der  Luft,  für  ferne  Bergzüge  und  für 
Wasserflächen.  — Grüne  Erde  jener  des  natürlichen 
Bodens  und  aller  Vegetation. 

Auf  die  grüne  Erde  hielt  Marees  grosse  Stücke  und 
verwendete  sie  in  weitestem  Sinne.  In  der  That  hat 
diese  Farbe  in  der  Ei-Tempera  auf  weissem  Grunde 
unschätzbare  Eigenschaften.  Rein  angewendet,  erzielt 
man  mit  ihr  durch  wiederholtes  Uebergehen  einen  so 
schönen  und  satten  Ton,  wie  er  durch  keine  Mischung 
und  durch  kein  anderes  grünes  Pigment  herzustellen 
ist.  Durch  Ueberlegen  von  Ocker  oder  gebrannter 
grüner  Erde  wird  er  nach  Belieben  ins  Positive  gezogen ; 
durch  Roth  ins  tiefe  Grau  gebrochen ; durch  Ultra- 
marin in  die  Ferne  gespielt.  Tief  braungrüne  Töne  der 
Vegetation  bis  in  die  Vollschatten  erzeugen  sich  auf  der 
Unterlage  von  grüner  Erde  mit  Leichtigkeit.  Nur  darf 
man  im  Anfänge  den  reinen  Farbenton  nicht  scheuen  ; 


67 


nur  muss  man  das  Licht  so  lange  als  möglich  vom 
weissen  Grunde  her  wirken  lassen. 

Das  Coloriren  des  Hintergrundes  bewerkstelligte 
Marees  in  breiten  Lagen,  die  meist  horizontal,  zuweilen 
schräg  geführt  wurden.  Er  begann  damit  immer  zunächst 
an  den  Figuren  und  führte  die  Töne  von  da  weiter 
gegen  die  Bilderränder.  Die  feste  und  bestimmte  Auf- 
zeichnung gab  ihm  freies  Spiel  hiebei.  Er  überliess  sich 
also  jetzt  ganz  der  freien  Laune  oder  vielmehr  jenen 
augenblicklichen  Eingebungen,  die  frei  aus  der  allge- 
meinen Anordnung  und  dem  coloristischen  Naturell  des 
Malers  hervorquollen.  Indem  er  stellenweise  die  stärksten 
Pigmente  verwendete,  verabsäumte  er  doch  nirgends  die 
Zusammenordnung  der  Töne  und  reihte  sie  so  anein- 
ander, dass  trotz  einer  gewissen  Buntheit,  welche  dieses 
Stadium  kennzeichnet,  die  Harmonie  nicht  verloren  ging. 
Das  kann  und  darf  man  eben  nur  in  Eifarben  wagen  ; 
denn  wie  erwähnt  scheint  in  diesem  Bindemittel  jede 
ganze  ungebrochene  Farbe , namentlich  jede  Erdfarbe, 
bei  aller  Kraft  in  mildem  Schimmer  daher. 

In  solcher  Umgebung  zeigten  sich  denn  auch  die 
röthlichen,  zum  Tlieile  stark  positiven  Töne,  welche  man 
den  Figuren  zuerst  gegeben  hatte,  als  relativ  schwache 
Veränderungen  des  vom  Grunde  kommenden  weissen 
Lichtes.  Oftmals  erfolgte  desshalb  noch  während  der 
Coloration  des  Hintergrundes  eine  nochmalige  Ueber- 
gehung  der  Figuren  mit  denselben,  zuweilen  etwas  ver- 
änderten röthlichen  Localtönen,  um  der  Farbe  die  zur 
weiteren  Durchbildung  erforderliche  Kraft  zu  geben. 

Hiermit  war  das  erste  illuminative  und  vor- 
bereitende Stadium  der  Untermalung  abgeschlossen. 


Die  Arbeit  hatte,  auch  bei  grösseren  Bilder-Dimen- 
sionen  eine,  höchstens  zwei  Stunden,  gedauert  und  es 
konnte  sofort  zur  Durcharbeitung  des  Bildes  geschritten 
werden. 

Bezüglich  des  Materiales  muss  hervorgehoben 
werden,  dass  in  diesem  ersten  Stadium  das  Auttroeknen 
der  mit  Wasser  stark  verdünnten  Eifarbe  fast  augen- 
blicklich erfolgt. 

Die  Durcharbeitung,  welche  sich  nun  wieder  vollends 
der  Formen-  und  Raumgestaltung  zuwendete,  begann 
Marees  damit,  dass  er  die  Figuren,  die  hisnun  als  helle 
und  positive  Farbenflecken  dastanden,  zeichnerisch  ver- 
stärkte und  ins  Bunde  führte.  Er  bediente  sich  hiezu 
für  jede  Figur  im  Ganzen  eines  und  desselben  trans- 
parenten Tones,  der  mit  der  localfarbigen  Unterlage  Grau 
oder  Grau-Braun  erzeugte,  beispielsweise  für  die  stark 
colorirte  männliche  Figur  des  ersten  Planes  einer 
Mischung  von  grüner  und  gebrannter  grüner  Erde,  — 
für  helle  Garnation  weiblicher  Figuren  der  blossen 
grünen  Erde,  — für  Figuren  des  zweiten  Planes  einer 
Mischung  von  rother  und  grüner  Erde,  etc.  — Ein 
solcher  Ton  kann  wieder  in  beliebiger  Verdünnung  ange- 
wendet werden  und  gibt  hiedurch  das  Mittel  an  die 
Hand,  ein  körperlich  Bundes  in  starke  plastische  Wir- 
kung zu  bringen.  Marees  verfuhr  hiebei  genau  wie  beim 
Zeichnen,  indem  er  vorerst  die  Pläne  und  aus  diesen 
das  Formen-Detail  entwickelte.  Die  Figur  wurde  in 
diesem  Sinne  mehrmals  von  oben  herab  vorgenommen, 
und  immer  mit  Anwendung  desselben  Modellirungstones 
in  allen  Plänen  durchgearbeitet,  welche  von  der  breiten 
Lichtmasse  abweichen. 


69 


Diese  Verstärkung  ins  Runde  führte  auf  die  Noth- 
wendigkeit,  den  Hintergrund,  wenigstens  soweit  er  an 
die  Figur  anschloss,  mitvorzunehmen,  also  nach  Plänen 
und  Gegensätzen  ins  Dunkle  zu  verstärken.  Hiezu  ge- 
hörten namentlich  die  Fuss-  und  Aufruhepunkte  und 
diejenigen  Ergänzungen,  welche  die  Illusion  des  freien 
Aufragens  der  Figur  zu  heben  am  geeignetsten  erschienen. 
So  wurden  jetzt  beispielsweise  Lufttöne  in  transparenter 
Farbe  verstärkt,  Baumstämme  in  hellere  Localtöne  ge- 
setzt, Laub-  und  Terrain-Partieen  verdunkelt,  u.  dgl.  m. 

War  dies  geschehen,  so  stellte  sich  die  Figur  als 
eine  localfarbig-transparente  Erscheinung  dar , welche 
sich  mit  dem  ebenfalls  localfarbig-transparenten  Hinter- 
gründe in  Harmonie  befand.  Auch  an  plastischer  Run- 
dung war  schon  eine  gewisse  Wirkung  erzielt,  indem 
ein  leichtes  Spiel  von  Grau  aus  den  bräunlich  trans- 
parenten Schattenmassen  zu  der  breiten  Lichtmasse 
hinüberleitete.  Diese  aber  war  noch  immer  ein  einförmig 
Transparentes,  ohne  feinere  Licht-  und  Formen-Nuancen 
und  die  Raum-Illusion  im  ganzen  Bilde  war  nur  in  ge- 
ringem Grade  vorhanden. 

Die  Erscheinung  nach  diesen  Richtungen  hin  zu 
ergänzen  und  weiterzubilden , erfolgte  nun  das  Auf- 
höhen des  Lichtes,  und  damit  trat  wieder  ein  neues 
Stadium  ein,  welches  das  Ansehen  des  Bildes  wesent- 
lich verändern  sollte. 

Die  oben  angegebene  Palette  enthält  ausser  dem 
rothen  Eisenoxyd  nur  eine  deckende  Farbe,  das 
Blehveiss  ; alle  anderen  haben  in  der  Ei-Tempera  trans- 
parenten Charakter.  Will  man  also  farbig  decken,  so 
muss  man  der  Farbe  Weiss  zusetzen.  Aber  auch  das 


70 


Weiss  deckt,  wenn  es  selbst  mit  vollem  Pinsel  aufge- 
tragen wird,  durchaus  nicht  vollkommen  noch  stark, 
sondern  lässt  den  Grund  oder  die  Untermalung  immer 
mehr  oder  weniger  durchschimmern.  Um  volles  Weiss 
zu  erhalten,  muss  das  Weiss  der  Palette  wiederholt 
übereinander  geschichtet  werden.  In  dünner  Lage  wirkt 
es  als  trübes  Medium  und  lässt  die  Farbe  der  Unter- 
malung an  dem  Licht  der  Oberfläche  Theil  haben,  indem 
es  den  Ton  derselben  in’s  Blaue  bricht. 

Die  nothwendige  Folge  dieser  Eigenschaften  ist, 
dass  man  einerseits  starke  Lichtwirkungen  durch  Decken 
nur  allmälig  auf  dem  Wege  des  Licht- Au fhöhens  her- 
vorbringen kann ; andrerseits,  dass  die  Deckfarbe  als 
halbe  Deckfarbe,  entweder  rein  oder  in  Mischung  mit 
den  anderen  Farben,  in  mannigfaltiger  Weise  zur  Modi- 
fizirung  der  Ton-  und  Farben-Charaktere,  also  im  In- 
teresse des  Reichthums  der  Erscheinung,  der  Formen- 
und  Raum-Durchbildung  verwendet  werden  kann. 

Marees  begann  das  Modelliren  der  Figuren  im 
vollen  Lichte  damit,  dass  er  die  bisnun  transparente 
Lichtmasse  derselben  mit  einer  gemischten  halben  Deck- 
farbe durcharbeitete.  Die  Mischung  war  selbstverständ- 
lich je  fallweise  eine  andere,  meist  Weiss  mit  einem 
der  hellen  Ocker  oder  gebrannter  grüner  Erde.  Das 
Blauen  der  ersten  Deckfarbenlage  hob  er  fast  regel- 
mässig durch  Zusatz  von  hellgelbem  Ocker  auf.  Er 
überging  die  Figur  immer  im  Ganzen  und  von  oben 
herab  so,  dass  er  mit  dem  hellfarbigen  Pinsel  nach 
Massgabe  der  plastischen  Vorstellung  breite  Lagen  über 
ausgedehnte  Flächen  lührte  und  damit  bis  in  die  grauen 
Töne  hineinspielte , welche  die  Schattenmassen  um- 


71 


säumten.  Er  hatte  dabei  immer  die  nach  der  Natur 
allgefertigten  Zeichnungen  vor  sich,  welche  er  von  nun 
an  bis  in  die  letzten  Stadien  der  Arbeit  unablässig  zur 
Anregung  und  Gontrolle  herbeizog. 

Es  war  bei  solchen  Gelegenheiten  offenkundig,  dass 
Marees  in  seiner  Thätigkeit  von  Vorstellungen  geleitet 
wurde,  welche  bis  in’s  Detail  feststanden.  Das  Ver- 
fahren ist  wiederholt  zeichnerisch  genannt  worden ; er 
brachte  die  Farbe  mit  der  Spitze  des  senkrecht  gegen 
die  Tafel  gehaltenen  Pinsels  in  mannigfach  nuancirten 
Strichlagen  auf  die  Malfläche,  und  verwerthete  hiebei 
entweder  den  Strich  als  solchen  wie  beim  Zeichnen 
mit  dem  Stifte  zum  Ausdruck  einer  Formen-Einzelheit, 
oder  er  breitete  die  Strichlagen  geschlossen  über  Flächen 
aus,  welche  er  in  der  Vorstellung  als  Pläne  genau 
umriss. 

So  entstand  schon  beim  ersten  Uebergehen  der 
Figur  mit  Deckfarbe  ein  wechselvolles  offenes  Licht, 
welches  sie  in  eigenthümlicher  Weise  aus  ihrer  Umge- 
bung hervorhob  und  vieles  zu  ihrer  inneren  plastischen 
Gestaltung  beitrug. 

War  eine  Figur  in  dieser  Art  durchgenommen,  so 
ging  er  entweder  gleich  an  eine  zweite  und  dritte,  oder 
er  benutzte  die  Zeit  bis  zum  festen  Auftrocknen  der 
Deckfarbe , um  mit  anderen  halben  Deckfarben  den 
Hintergrund  zu  bearbeiten. 

Zunächst  war  es  dann  das  Terrain  des  ersten 
Planes,  das  er,  von  den  Fuss-  und  Aufruhepunkten 
ausgehend,  an  dem  offenen  Lichte  Theil  haben  liess  und 
eingehend  im  Zusammenhang  mit  der  Figur  bearbeitete. 
Er  verwendete  hiezu  gewöhnlich  gesättigte  Deckfarben, 


72 


die  Ocker  mit  Zusatz  von  Weiss  und  grüner  oder  ge- 
brannter grüner  Erde.  — Dann  war  es  die  Luft,  welche 
er  zu  den  Figuren  in  Yerhältniss  setzte.  Er  bearbeitete 
dieselbe  in  diesem  Stadium  fast  regelmässig  mit  hellem 
Grau,  das  er  aus  Schwarz  und  Weiss  mit  farbigen  Zu- 
sätzen mischte,  oder  aus  hellen  Farben  so  zusammen- 
setzte, dass  es  auf  dem  illuminirten  transparenten  Grunde 
als  trübes  Medium  wirkte  und  die  starkfarbige  Unterlage 
in  schimmerndes  Licht  verwandelte.  Er  wandte  hiezu 
fast  ausnahmslos  breite  horizontale  oder  wenig  schräg 
geführte  Strichlagen  an.  — Mit  der  Luft  pflegte  er  das 
offene  Spiegellicht  der  Wasserflächen  vorzu nehmen.  — 
Das  Terrain  des  Mittelgrundes  und  Laub-Partieen  er- 
fuhren jetzt  noch  wenig  Veränderungen.  Nach  seinem 
Grundsätze  « Grün  ist  allemal  dunkel »,  liess  er  Wiesen 
und  Wälder,  Bäume  und  Gebüsch,  — und  nur  damit 
hatte  er  es  ja  hier  meist  zu  thun  — in  ihrem  sattfar- 
bigen transparenten  Tone  stehen,  und  erzielte  damit 
schon  jetzt  die  Gontrast-Wirkungen  des  Helldunkels. 

Hatte  die  Arbeit  in  dieser  Weise  das  ganze  Bild 
umfasst,  so  kehrte  Marees  sofort  wieder  zu  derjenigen 
Figur  zurück,  welche  als  Hauptfigur  den  Schlüsselpunkt 
der  Darstellung  bildete.  Er  führte  jetzt  die  vorhin  be- 
schriebene Durchbildung  des  Lichtganges  durch  Auf- 
höhen weiter.  Die  erste  Lage  der  Deckfarbe  war  bis 
dahin  fast  aufgetrocknet  und  konnte  ohne  Gefahr  über- 
arbeitet werden. 

Bei  diesem  zweiten  Uebergehen  mit  Deckfarbe  ist 
in  der  Ei-Malerei  Vorsicht  nöthig,  um  gewissen  Unan- 
nehmlichkeiten zu  entgehen.  Es  ist  nämlich  ohne  Er- 
fahrung nicht  abzusehen,  wie  Deckfarbe  auf  Deckfarbe 


73 


auftrocknet.  Der  Gehalt  an  Weiss  in  einer  neuen  Mischung 
ist  auf  der  Palette  kaum  zu  beurtheilen.  Desshalb 
scheint  es  angezeigt  von  der  Mischung,  mit  welcher  man 
die  erste  deckende  Lage  ausgeführt  hat,  eine  gewisse 
Menge  zu  reserviren  und  nass  zu  erhalten  und  die 
Lichtstärke  dieser  Mischung  zur  zweiten  Ueberarbeitung 
einfach  durch  Zusatz  von  Weiss  zu  erhöhen.  Der  Auf- 
trag wird  dann  weitaus  zu  hell  erscheinen  aber  auch 
im  Auftrocknen  heller  bleiben  müssen  als  die  erste  Lage. 
Nichts  ist  unangenehmer  als  das  dunkel  Auftrocknen 
einer  zweiten  Deckfarben-Schichte.  Uebrigens  macht 
hier  wie  überall  Uebung  den  Meister. 

Der  Vorgang,  den  Marees  beim  Lichthöhen  einhielt, 
war  im  Wesentlichen  derselbe  wie  bei  der  ersten 
Anwendung  von  Deckfarbe.  Auch  waren  die  nächsten 
Resultate  nichts  als  eine  Verstärkung  der  oben  ange- 
gebenen Wirkungen.  Das  Lichthöhen  wurde  stets  in 
jeder  Figur  systematisch  im  Ganzen  ausgeführt  und  von 
den  Figuren  auf  den  Hintergrund  ausgedehnt. 

So  weit  führte  in  der  Praxis  gewöhnlich  die  erste 
Tages-Arbeit.  Am  Schlüsse  derselben  hatte  das  Bild 
eine  einheitliche  und  zusammenhängende  Durchbildung 
erfahren.  Gegen  die  Aufzeichnung  gehalten  war  aus 
dem  Entwürfe  eine  farbige  Skizze  entstanden,  welche 
ihrer  Natur  nach  Lücken  in  den  Einzelheiten  enthalten 
musste,  aber  im  Ganzen  und  Grossen  die  Haupt-Er- 
scheinungen des  Bildes  hochentwickelt  zur  Schau  trug. 
Auch  der  buntfarbige  Eindruck  der  ersten  Illumination 
war  verschwunden ; schon  sah  man  keine  Farbe  mehr 
als  solche  auf  der  Tatei , sondern  geordnete  Formen- 
und  Raum-Verhältnisse,  welche  der  weiteren  Entwick- 
lung harrten. 


74 


Zuweilen  ist  es  vorgekommen,  dass  Marees  schon 
am  ersten  Tage  der  Arbeit  an  der  Bildtafel  einzelne 
Figuren  weit  über  dieses  Stadium  hinaus,  ja  bis  nahe 
an  den  völligen  Abschluss  führte.  So  bei  Arbeiten,  die 
er  zu  Lehrzwecken  vornahm,  so  bei  decorativen  Figuren 
in  der  Umrahmung  der  eigentlichen  Gemälde,  so  auch 
in  seltenen  Fällen  bei  Hauptfiguren  seiner  Darstellungen. 
In  der  Regel  aber  enthielt  er  sich  eines  solchen  Vor- 
ganges im  Interesse  des  ganzen  Werkes  und  der  all- 
mäligen  Steigerung  des  Gesammt-Eindruckes.  Auch 
pflegt  sich  das  Material  für  Uebereilungen  zu  rächen. 


Alles  was  Marees  von  nun  ab  bis  zum  Abschlüsse 
der  Arbeit  an  der  Bildtafel  vornahm,  bestand,  — um 
seine  eigenen  Worte  zu  gebrauchen  — in  nichts  Anderem, 
als  in  Modificationen  oder  geringfügigen  Abänderungen 
des  schon  Vorhandenen.  Während  Marees  malte,  konnte 
der  aufmerksame  Zuschauer  in  der  That  nichts  Anderes 
sehen,  als  dass  diejenigen  Theile  des  Bildes,  mit  denen 
er  sich  eben  beschäftigte,  nur  ganz  gelinde  Umwandlungen 
erfuhren,  die  sie  von  einer  Erscheinungsart  zu  einer 
anderen  hinüberleiteten.  Aber  diese  Modificationen,  die 
immer  in  irgend  einer  Weise  die  Form  und  Gestalt  der 
Figuren  oder  ihrer  Begleitung  betrafen,  summirten  sich 
im  Verlaufe  der  Arbeit  in  der  Art,  dass  jede  derselben 
ihre  Spuren  zurückliess  und  am  Schlüsse  irgendwie  zum 
Gesammt-Eindrucke  beitrug.  Man  lernte  dann  verstehen 
wie  sich  die  künstlerische  « Entwicklung  und  Ausbil- 
dung von  Vorstellungen  » praktisch  vollzog ; man  begriff 
auch  was  Mardes  unter  einem  zur  künstlerischen  Arbeit 
taugenden  Materiale  verstand  und  von  ihm  forderte. 


75 


Um  eine  Vorstellung  davon  zu  geben  wie  sich  die 
Eifarben  zu  solchen  Vorgängen  schicken,  seien  einige 
Beispiele  angeführt. 

Gesetzt  das  Bichtaufhöhen  sei  an  einer  Figur  so 
ausgeführt  worden,  dass  die  höchsten  Lichter  volles 
und  reines  Weiss  ergaben  und  den  Local-Ton  der  Figur 
zu  stark  vernichtet  hatten : man  begann  dann  die  Arbeit 
damit,  dass  man  den  ursprünglichen  Local-Ton,  also 
etwa  eine  Mischung  von  rothem  und  gelbem  Ocker,  über 
die  Lichtmasse  zog. 

Oder  : die  Schattenmasse  sei  zu  stark  in’s  Bräunliche 
gerathen,  so  wurde  sie  mit  einem  Grau  bearbeitet,  das 
sie  in  kältere  Töne  legte,  etwa  mit  einer  Mischung  von 
Weiss  und  grüner  Erde. 

Oder : die  Halbtöne  beim  Lichte  hatten  zu  viel  vom 
positiven  Grundtone  behalten,  so  überging  man  sie  bei 
der  nächsten  Bearbeitung  der  Figur  mit  der  Mischfarbe, 
die  zum  ersten  Lichtaufhöhen  gedient  hatte. 

Auch  ganze  Figuren  können  auf  diese  Weise  mit 
Tönen  überzogen  werden,  welche  als  die  nötliige  Er- 
gänzung ihrer  Total-Erscheinung  wünschenswerth  er- 
scheinen. Zu  solchen  Vorgängen  können  alle  Farben 
der  Ei-Tempera-Palelte,  das  reine  Weiss  mit  einge- 
schlossen , dienen.  Denn  sie  lassen  sich  jeweilig  so 
mischen  oder  mit  Wasser  unter  eventuellem  Zusatz  von 
Ei  so  stark  verdünnen,  dass  der  Ueberzug  sich  mit  der 
Untermalung  zu  der  beabsichtigten  Wirkung  verschmilzt, 
ohne  den  unangenehmen  Eindruck  hervorzubringen,  den 
andere  Bindemittel  der  Lasur  allemal  mittheilen.  Be* 
einiger  Erfahrung  in  der  Behandlung  des  Materiales  ist 
die  Lasur  in  der  Ei-Tempera  von  anderem  Farben-Auf- 


76 


trage  schlechthin  nicht  mehr  zu  unterscheiden.  Sie 
wirkt,  wie  sie  nach  ihrem  Wesen  wirken  soll,  als  ein 
Transparent-Farbiges,  die  Leuchtkraft  Erhöhendes,  wenn 
sie  auf  heller,  — als  trübendes,  blauendes  Medium,  wenn 
sie  auf  dunkler  Unterlage  angebracht  wird;  nur  lässt 
sie  keinen  üblen  Einfluss  des  Bindemittels  zurück.  Sie 
kann  sonach  als  Steigerungsmittel  verwendet  werden, 
indem  sie  dazu  auffordert,  weiterhin  mit  satteren 
Mischungstönen  bearbeitet  zu  werden  ; — sie  kann  auch, 
wenn  sie  die  Wirkung  der  Trübung  hervorgebracht  hat, 
durch  positive  Lasur  in  die  Kategorie  der  leuchtenden 
Erscheinungen  zurückgeführt  werden.  Mit  Einem  Worte  : 
die  so  wichtige  Wirkung  des  Farben-Auftrages  im  Ver- 
hältnisse zu  seiner  Unterlage,  ist  dem  Ei-Tempera-Mate- 
riale voll  gewahrt,  zugleich  aber  von  einer  solchen 
Umbildungs-Fähigkeit,  dass  man  sich  ihrer  stets  als 
Mittel  zum  Zwecke,  das  ist  zum  freien  Gestalten  frei 
bedienen  kann. 

Desshalb  gibt  es  auch  in  der  Ei-Malerei  kaum  ein 
Präpariren  als  solches,  und  wenn  es  vorkommt,  ist  es 
von  so  kurzer  Weile,  dass  es  ebenso  rasch  wieder  ver- 
schwindet als  es  entstanden  ist. 

Oder  wenn  man  will  : die  ganze  Ei-Malerei  ist 
nichts  als  ein  fortwährendes  Präpariren,  aber  kein  hand- 
werkliches, auf  bestimmte  technische  Wirkungen  aus- 
gehendes Präpariren , sondern  ein  schrittweises  Fort- 
hilden der  Vorstellung  in  wechselnden  Gestalten. 

Das  war  es,  was  Marees  suchte  und  brauchte,  und 
unter  keinen  anderen  Umständen  findet  die  Erinnerung 
sein  praktisches  Gebühren  in  solchem  Einklänge  mit 
seinem  künstlerischen  Wollen,  als  wenn  er  sich  der 


77 


Eifarbe  zur  Durchführung  von  Entwürfen  bediente,  die 
er  im  Sinne  der  Wand-Malerei  geplant  hatte. 

Es  müsste  zur  Undeutlichkeit  führen,  wenn  man 
sein  Mal-Verfahren  fortgesetzt  so  schildern  wollte,  wie 
dies  im  Vorstehenden  bezüglich  der  ersten  Stadien  ge- 
schehen ist.  Dazu  gehörte  das  Bild  und  die  Arbeit 
selbst.  Es  sollen  desshalb  im  Eolgenden  nur  einige 
der  Hauptzüge  seiner  Malerei  angeführt  werden,  wie 
sie  sich  aus  dieser  selbst  darstellten,  ehe  die  Bilder  der 
Bearbeitung  mit  Oelfarben  unterzogen  wurden. 

Was  Maröes’  Malerei  vielleicht  am  meisten  charak- 
terisirt,  ist,  dass  er  alle  gegebenen  Mittel  verwendete, 
um  die  Figuren  in  der  lebendigsten  Weise  durchzubilden 
und  zur  Geltung  zu  bringen,  und  zwar  ebensowohl  mittel- 
bard  urch  begleitende  Umgebung,  als  unmittelbar  in  der 
Figur  selber  durch  Verwendung  der  stärksten  Licht- 
und  Schatten-,  der  stärksten  Farben- Wirkungen. 

Alles  hegt  hier  in  der  Art  der  Verwendung.  Dass 
die  höchsten  Licht-Wirkungen  auf  die  Figur  ausgegeben 
werden,  mag  selbstverständlich  erscheinen,  wenn  man 
bedenkt,  dass  bei  conzentrirtem  Anschauen  eines  an 
und  tür  sich  hellen  Objektes,  wie  der  nackte  Mensch 
es  ist,  selbst  eine  stark  durchleuchtete  Luft  in  die 
Halbtöne  eines  milden  Scheines  zurücktritt.  — Nicht  so 
selbstverständlich  ist  dies  bezüglich  der  Farbe  und  der 
Dunkelheiten.  — Die  Farbe  verwendete  Maröes  als 
Mittel  zur  Formgebung,  also  an  der  Figur  als  Ton  zur 
Bestimmung  der  Pläne.  Im  Interesse  der  Kraft  bedurfte 
er  tiefer  Töne,  und  um  diese  in  nähere  Beziehung  zum 
Lichte  der  ganzen  Erscheinung  zu  bringen,  färbte  er 
sie.  Denn  Farbe  war  ihm  Licht  und  aus  der  Erfahrung 


78 


wusste  er,  dass  ausgebreitete  Halbtöne  hell  wirken. 
So  breitete  er  farbige  Halbtöne  als  Pläne  zwischen  der 
Lichtmasse  und  der  schattigen  Figuren-Abgrenzung  aus, 
und  unterschied  sie  gegen  die  starke  Local-Farbe  eines 
einheitlich  gefärbten  Gegenstandes,  wie  z.  B.  ein  Gewand, 
durch  ihre  reiche  Nuancirung  mit  Grau.  Aber  auch 
dieses  Grau  war  nur  relativ  grau,  grau  im  Verhältnisse 
zu  der  danebenstehenden  Carnations-Farbe , und  hätte 
man  ein  solches  Grau  aus  seiner  Umgebung  heraus- 
heben können,  so  würde  es  sich  als  sehr  starkfarbig 
erwiesen  haben.  — Die  stärksten  Dunkelheiten  endlich 
verwendete  er,  — von  dunklen  Localfarben,  wie  Haare, 
Gewänder  abgesehen  — durchaus  zeichnerisch.  Die 
tiefsten  Pigmente  wollte  er,  wieder  im  Interesse  der 
Kraft,  nicht  entbehren;  nur  hütete  er  sich  sie  auszu- 
breiten und  sparte  sie  also  zur  Abgrenzung  der  tiefsten 
Halbtöne. 

Massgebend  für  die  helle  Erscheinung  der  Figur 
erschien  ihm  der  helle  Halbton  bei  Licht,  welchen  er 
niemals  breit  anzulegen  und  durchzuführen  unterliess. 
Sparsam  setzte  er  dann  auf  diesem  die  höchsten  Lichter 
auf,  die  er  auszugeben  hatte. 

In  Ansehung  der  Figuren-Modellirung  verwendete 
er  die  Farbe  nach  denselben  Grundsätzen,  wie  er  die 
Lichtführung  im  Zeichnen  behandelte.  Er  hob  also  vor- 
züglich die  grossen  Verhältnisse  der  Beleuchtung,  die 
Beziehung  des  Bumpfes  und  der  Glieder  von  Gelenk  zu 
Gelenk  zum  einfallenden  Lichte  hervor.  So  geschah  es, 
dass  bei  gewissen  Figuren  der  grösste  Theil  des  Torso 
in  tieffarbigen  Abtönungen  stand,  trotzdem  das  Licht 
von  einer  Stelle  aus  über  die  ganze  Erscheinung  zu 


79 


fliessen  schien ; oder  dass  bei  hellen  Figuren  ganze 
Arme  und  Beine  in  tiefen  Abtönungen  lagen.  Immer 
aber  ergänzten  sich  Licht  und  Tonungen  zu  den  kräf- 
tigen, im  Ganzen  hell  wirkenden  Erscheinungen  des 
Helldunkels. 

Die  Figur  bearbeitete  Marees  grundsätzlich  immer 
im  Ganzen,  d.  h.  er  führte  Eine  Färbung,  Eine  Licht- 
wirkung je  nach  den  Erscheinungs-Bedingungen  durch 
die  ganze  Figur.  Hatte  er  also  irgend  eine  Farbe  oder 
irgend  einen  Ton  im  Pinsel,  so  bearbeitete  er  damit  die 
in  Ansehung  der  Qualität  gleichartigen  Orte  oder  Pläne 
des  Volumens  vom  Kopf  bis  zu  den  Füssen.  Desshalb 
entbehrten  seine  Figuren  niemals  der  Einheit  und  das 
Auge  des  Beschauers  fasste  sie  mit  Einem  Male  als 
Ganzes. 

Aber  bei  aller  Einfachheit  war  die  Figur  in  allen 
ihren  Theilen  in  einer  ganz  eigentümlichen  Weise 
durchlebt.  Indem  Maröes  dieselbe  wohl  unzählige  Male 
und  zwar  jedesmal  in  einem  besonderen  Sinne,  in  einer 
besonderen  Gestaltungs-Absicht  überging  und  jede  Ueber- 
arbeitung  an  der  dargestellten  Figur  ihre-Spuren  zurück- 
liess,  entstand  eine  Erscheinung  voll  Wechsel  in  Form 
und  Farbe  und  ein  eigenartiges  Spiel  von  innerer  Form- 
bewegung, das  sich  auch  in  den  einheitlichen  Massen 
und  Plänen  nirgends  verlor  und  die  Illusion  der  Leben- 
digkeit in  ausserordentlicher  Stärke  erzeugte. 

Man  könnte  sagen,  dass  Maröes  in  seiner  Malerei 
verschiedene,  ein  und  dieselbe  Gestalt  betreffende  bild- 
nerische Gedanken  accumulirte  und  ihrer  mit  der  Zeit 
so  viele  zusammentrug,  dass  daraus  Besultate  entstanden, 
welche  das  Wesen  der  Gestalt  zu  erschöpfen  schienen. 


80 


Es  war  eine  Bildnerei,  die  es  mit  der  Darstellung  der 
menschlichen  Figur  ernst  nahm,  und  sich  nicht  genug 
gethan  hatte,  wenn  sie  Eine  Seite,  Eine  Eigenart  der 
Erscheinung  hervorzog  und  einseitig  entwickelte.  Weil 
Marees  in  dieser  Hinsicht  so  viel  von  sich  forderte  und 
sich  der  grossen  Schwierigkeiten  des  Unternehmens 
bewusst  war,  gelangte  er  zu  einer  gewissen  Theilung 
der  Arbeit  in  der  Zeit  und  richtete  sein  Verfahren  so 
ein,  dass  sich  das  Arbeits-Ergebniss  in  der  Darstellung 
summirte. 

Eine  Folge  dieses  Verfahrens  war  auch,  dass  die 
technische  Behandlung  in  der  schhesslichen  Wirkung 
gegen  die  Illusion  des  Eindruckes  gänzlich  zurücktrat, 
und  sich  so  sehr  eliminirte,  dass  sie  auch  für  den 
Sachkundigen  bei  genauer  Untersuchung  nicht  mehr  zu 
entziffern  war.  Gleichartige  Erscheinungen  waren  von 
so  vielen  und  reichen  Modificationen  durchspielt  und 
durchsetzt,  dass  sich,  technisch  genommen,  im  Bilde 
kaum  zwei  ganz  gleichartige  Flecken  erkennen  Hessen. 

Die  landschaftliche  Begleitung  der  Figuren  hat 
Marees  durchweg  in  anderem  Sinne  behandelt.  Sie  war 
ihm  in  der  Malerei  vor  Allem  « Hintergrund »,  und 
wurde  die  längste  Zeit  als  solcher  bearbeitet,  d.  h.  bei 
jeder  Ueberarbeitung  der  Figuren  in  Beziehung  zu  den- 
selben modifizirt,  bis  sich  mit  dem  Abschlüsse  der 
Figuren  auch  im  Hintergründe  jene  Licht-  und  Ton- 
Verhältnisse  ergehen  hatten,  welche  für  die  Bildwirkung 
und  Harmonie  des  Ganzen  als  die  zutreffendsten  er- 
schienen. Erst  am  Schlüsse  befasste  er  sich  damit,  die 
Gegenstände  der  Begleitung  in  Ansehung  der  ihnen 
eigenthümlichen  Erscheinungs-Weise  bildnerisch  zu  ent- 
wickeln. 


81 


Am  Hintergründe  sparte  Marees  nicht  Zeit  noch 
Mühe  und  nichts  hat  er  so  unermüdlich  und  so  häutig 
bearbeitet  und  verändert  als  diesen,  vor  Allem  die  Luft 
in  ihrem  Verhältnis  zur  Carnation,  zum  festen  Boden 
und  zum  Laub  der  Bäume.  Wie  ihn  die  Arbeitsführung 
an  den  Figuren  eben  disponirte,  modifizirte  er  den 
Hintergrund  in  jedem  Sinne  und  führte  in  ihm  Licht 
und  Farbe  jedesmal  einheitlich  durch,  bis  er  zum 
Schlüsse,  wieder  im  Interesse  der  Figuren- Darstellung, 
jede  eigenartige  Erscheinung  auf  ihre  einfachsten  Ver- 
hältnisse zurückgeführt  hatte.  Auch  hier  war  dann  jenes 
eigentümliche  innere  Leben  der  Form  wahrnehmbar, 
wenngleich  der  ganze  landschaftliche  Theil  des  Bildes 
zu  den  elegischen  Massen-Wirkungen  des  Helldunkels 
zusammengehalten  blieb. 

Da  das  malerische  Verfahren  Marees’  auf  die  Ent- 
wicklung der  Vorstellung  und  die  Steigerung  ihres  Aus- 
druckes-gerichtet  war,  musste  er  unter  diesen  Umständen 
beinahe  ausnahmslos  zu  sattfarbigen  Intonationen  ge- 
langen. In  den  Mittel-  und  Halbtönen,  welche  die 
ganze  Bildfläche  beherrschten,  war  ein  mildes  Licht 
ausgegossen  und  gleichzeitig  waren  es  eben  diese  Werthe, 
welche  aller  Form  und  allem  Baume  zu  klarem  und 
bestimmtem  Ausdrucke  verhalten.  Höchstes  Licht  war 
nur  sparsam  ^aüsgegeben,  ungebrochenes  Dunkel  noch 
sparsamer  verwendet.  Die  satte  Farbe  conzentrirte  sich 
um  Figuren  und  Horizont  und  pflegte  gegen  den  Bilder- 
rand in  grauere  und  hellere  Halbtöne  auszuklingen, 
wodurch  sich  einerseits  die  Bild-Wirkung  um  die  Haupt- 
Figuren  zusammendrängte,  und  andrerseits  die  ganze 
Darstellung  das  Ansehen  gewann,  als  sei  sie  ein  zu- 
fälliger Ausschnitt  aus  einer  sich  über  die  Einrahmung 

hinaus  erstreckenden  schönen  Welt. 

6 


82 


Es  erübrigt  uns  nur  noch  zu  sagen,  dass  Marees 
alle  Arbeiten,  welche  er  in  Ei-Tempera  ausgeführt  und 
abgeschlossen,  oder  doch  nahezu  abgeschlossen  hatte, 
später  einer  weiteren  Bearbeitung  mit  Oel-Firnissfarben 
unterzogen  hat. 

Er  tränkte  dann  die  Ei-Malerei  mit  einem  Firniss, 
der  sie  allerdings  für  kurze  Zeit  besonders  frisch  und 
kräftig  erscheinen  liess,  aber  doch  bald  das  Oberflächen- 
Licht  der  Eifarbe  in  transparente  Qualitäten  verwandelte, 
die  eine  eingehende  Umarbeitung  erforderten.  Hiebei 
mussten  die  Bilder  Zustände  durchlaufen,  welche  man- 
nigfach mit  Zerstörung  verbunden  waren,  wenn  sie  in 
abermaliger  Steigerung  der  lebensvollen  Wirkung  zu 
neuer  Schönheit  auferstehen  sollten. 

Leider  hat  der  unerbittliche  Tod  das  Lebenswerk 
Marees’  eben  dort  abgeschnitten,  wo  es  ganz  nahe  an 
seinem  Ziele  stand , ohne  indess  zu  einem  allgemein 
verständlichen  Ausdrucke  gekommen  zu  sein.  Bei  dem 
Mangel  abgeschlossener  Ergebnisse  ist  es  unmöglich  zu 
ahnen,  wohin  diese  Bestrebungen  Marees  geführt  hätten. 
Es  scheint,  dass  er  nach  der  Lösung  des  Problemes 
suchte,  die  Eigenart  einer  Wandmalerei  in  antikem  Sinne 
mit  den  von  der  italienischen  Rennaissance  entwickelten 
glänzenden  Qualitäten  der  Oelmalerei  zu  verschmelzen. 
Sein  rastlos  strebender  und  suchender,  niemals  befrie- 
digter künstlerischer  Wille  mochte  ihm  ein  Neues , 
Höheres  Vorhalten. 

Wie  dem  auch  sei,  so  viel  steht  fest,  dass  er  die 
Oelfarbe  durchaus  in  demselben  Geiste  verwendet  wissen 
wollte  und  selbst  zu  verwenden  suchte,  wie  die  Eilarbe, 
wie  den  Zeichnen-Stift,  und  dass  er  in  der  Natur  des 


83 


Materiales  Widerstände  fand,  welche  sich  diesem  Ver- 
fahren entgegensetzten. 

Auch  die  Bereitung  der  Farbe  in  der  Werkstatt 
liess  viel  zu  wünschen  übrig.  Die  Ludwig’schen  Pe- 
troleum-Firniss-Farben,  welche  seither  in  so  vollkom- 
mener Art  allgemein  zugänglich  geworden  sind*),  waren 
ihm  im  Prinzipe  bekannt.  Aber  er  sträubte  sich  gegen 
Alles,  was  ihn  nur  von  Weitem  an  das  Metier  erinnerte, 
und  verabsäumte  daher  dem  Materiale  diejenige  Sorgfalt 
zuzuwenden,  durch  welche  die  vorzüglichsten  Eigen- 
schaften und  die  breitere  Verwendbarkeit  desselben 
füglich  erst  zustande  kommen  können. 

Trotz  aller  Ungunst  der  Verhältnisse  liegen  aber 
auch  in  den  un abgeschlossenen  Arbeiten  der  Marees’- 
schen  Hinterlassenschaft  höchst  bedeutende  künstlerische 
Resultate  vor.  Es  sind  vielleicht  nach  Marees’  eigenen 
Worten  «nur  Anfänge»,  allerdings  aber  Anfänge  einer 
künstlerischen  Anschauungs-  und  Arbeits- Weise,  welche 
— sicherlich  nicht  zu  ihrem  Nachtheile  — dem  sich 
auslebenden  Gebahren  der  modernen  Epigonen  entgegen- 
tritt und  den  Keim  einer  neuen  grossen  Entwicklung  in 
sich  trägt,  weil  sie  auf  natürlichem  Boden  steht  und  dort 
anzuknüpfen  sucht,  wo  ewig  alles  Gute  wird  anknüpfen 
müssen  : bei  der  Kunst-Anschauung  der  Hellenen. 


*)  Im  Handel  hei  Dr.  Schönfeld  & Comp,  in  Düsseldorf. 


III.  Schluss-Betrachtung. 


Nehmt  Alles  nur  in  Allem  : er  war  ein  Mann  ! 

Shakespeare. 

Hans  von  Maries  betrachtete  die  künstlerische 
Thätigkeit  als  einen  zusammenhängenden  Entwicklungs- 
und  Erkenntniss-Process , welcher  die  Ausbildung  des 
Seh-Vermögens  und  das  unmittelbare  Erfassen  der  uns 
umgebenden  Welt  durch  das  äussere  und  innere  Gesicht 
zum  Gegenstände  hat. 

Der  Gesichtssinn  galt  ihm  als  die  schönste  und 
vornehmste  Gabe  des  Menschen,  die  Ausbildung  der- 
selben als  das  einfachste  und  sicherste  Mittel  in  stetem 
Zusammenhänge  mit  der  Natur  zu  leben,  und  als  der 
Schlüssel  zu  ihren  tiefsten  Geheimnissen. 

So  edel  das  Instrument,  so  schwierig  erschien  ihm 
aber  auch  die  Erlernung  seines  Gebrauches  und  er  stand 
nicht  an , zu  diesem  Geschäfte  das  ganze  Mannesleben 
mit  allen  seinen  physischen,  geistigen  und  sittlichen 
Kräften  in  Anspruch  zu  nehmen. 

Er  hatte  keine  geringe  Meinung  von  den  inneren 
Erfordernissen,  deren  glückliches  Zusammentreffen  die 


85 


Grundbedingung  einer  erspriesslichen  künstlerischen 
Thätigkeit  bildet.  Die  Kraft  des  Naturtriebes  schätzte 
er  vor  Allem  nach  der  Festigkeit,  mit  welcher  sich  der 
Wille  auf  diese  Thätigkeit  conzentrirt  und  alle  ausser- 
halb derselben  liegenden  Lebens-Verhältnisse  zu  meistern 
versteht.  Nichts  schien  ihm  so  echte  Mannhaftigkeit  zu 
erfordern,  als  ganz  und  gar  der  Entwicklung  der  eigenen 
Natur  zu  leben.  Den  Kampf  um  die  blosse  Existenz  und 
die  mannigfachen  Verführungen  der  Eitelkeit  und  Ruhm- 
sucht, sah  er  wie  unausbleibliche  und  mit  den  Jahren 
an  Härte  zunehmende  Proben  der  sittlichen  Kraft  des 
Künstlers  an,  während  ihm  das  Festhalten  eines  Lebens- 
Standpunktes,  welcher  dem  bunten  Treiben  der  Welt 
entrückt  ist  und  doch  alle  Creatur  mit  liebevollster  Theil- 
nalime  umfasst,  als  sicheres  Merkmal  dieser  sittlichen 
Kraft  erschien.  Enthaltsamkeit  und  Geduld  nannte  er 
des  Künstlers  vornehmste  Tugenden,  und  die  Treue  der 
Gesinnung  « dasjenige,  was  den  Thaten  und  dem  Leben 
der  Menschen  erst  Werth  verleiht ». 

So  erschien  ihm  der  zum  Charakter  krystallisirte 
und  durch  das  Leben  gestählte  Naturtrieb  als  die  Grund- 
lage, auf  welcher  sich  jener  Entwicklungs-  und  Er- 
kenntniss-Prozess  abspielt. 

Diesen  Vorgang  selbst  pflegte  er,  seinem  Wesen 
nach,  als  intellectuelle  Arbeit  zu  bezeichnen.  Nur  dass 
der  Drang  nach  Erkenntniss  hier  auf  den  besonderen 
Anlagen  der  künstlerischen  Natur,  auf  der  besonderen 
Beschaffenheit  der  Organe  des  Künstlers  beruht  — nur 
dass  die  Arbeit  sich  ausschliesslich  im  Reiche  der  sicht- 
baren Erscheinung  bethätigt. 

« Sehen  lernen  ist  Alles  ». 


86 


«Im  Sehen  wie  im  Denken  handelt  es  sich  um 
Unterscheidung  ». 

« Das  Auge  des  Künstlers  sieht  mit  Leidenschaft ; 
aber  alle  Leidenschaft  ist  von  Unheil,  wenn  sie  sich 
der  Leitung  des  Verstandes  entzieht ». 

Marees  war  kein  Freund  abstracter  Philosophie ; 
gleichwohl  war  er  in  seiner  Art  ein  grosser  Philosoph, 
d.  h.  ein  Mann,  der  für  sein  geistiges  Wesen  einer  breiten, 
die  ganze  Welt  äusserer  und  innerer  Erfahrung  umspan- 
nenden Fundamental-Anschauung  bedurfte,  und  sich  die- 
selbe aus  eben  jenen  Erfahrungen  selbstständig  schuf. 

Er  fasste  den  Menschen  im  Allgemeinen  als  ein 
Stück  individualisirter  Natur  auf,  welche  sich  vermöge 
ihrer  gesteigerten  Organisation  der  übrigen  Natur  in 
gewissem  Sinne  entgegensetzt,  und  den  eingeborenen 
Trieb  nach  Einheit  und  Harmonie  als  Drang  nach  Er- 
kenntniss  äussert. 

Von  dieser  allgemeinen  Thatsache  schien  ihm  der 
Künstler  durchaus  keine  Ausnahme  zu  machen , und  er 
zählte  denselben  dreist  zu  jener  Minderheit,  in  welcher 
sich  — zu  eigener  Lust  und  eigenem  Leid  — das  Ringen 
der  ganzen  Menschheit  nach  dem  Lichte  der  Erkenntniss 
abspielt. 

Aus  dieser  Ueberzeugung  erwuchs  ihm  die  Kraft, 
sein  Seelenleben  zu  bewussten  Geistes-Zu ständen  em- 
porzuheben, seine  Vorstellungen  mit  bewussten  Mitteln 
abzuklären,  zu  entwickeln  und  in  Gestaltungen  umzu- 
setzen, denen  die  Art  ihrer  Erscheinung  gesetzmässig 
und  nothwendig  innewohnte. 

Weil  Maröes’  künstlerische  Handlungen  unter  dem 
ununterbrochenen  Einflüsse  eines  geschlossenen  und 


87 


zielbewussten  Lebens-Willens  und  unter  der  Herrschaft 
jener  höchsten  Besonnenheit  standen,  welche  das  vor- 
nehmste Merkmal  eines  hochentwickelten  Geistes  ist, 
trägt  seine  Lebens-Arbeit  das  Gepräge  der  Einheit. 

Weil  jener  Wille  es  durchaus  auf  die  Ausbildung 
der  eigenen  Natur,  auf  die  Bereicherung  des  inneren 
Schatzes  an  lebendiger  Figur  abgesehen  hatte,  trägt 
sein  Werk  das  Gepräge  der  Allgemeinheit,  von  welcher 
alles  Zufällige  und  Besondere  ausgeschlossen  ist. 

Und  desshalb  will  es  scheinen , als  ob  dieser  ebenso 
sensitive  als  besonnene  Mann  trotz  den  tausendfachen 
Schwierigkeiten,  welche  Zeit  und  Umstände  seiner  künst- 
lerischen Entwicklung  entgegenstellten  und  von  wel- 
chen sein  jäher  Tod  nur  der  letzte  schlagende  Ausdruck 
ist,  dasjenige  wirklich  erreicht  habe,  wornach  er  mit 
allen  Kräften  strebte  : das  erhebende  und  lehrreiche  Bei- 
spiel einer  normalen  künstlerischen  Lebens-Bethätigung. 

Wäre  dieses  Normale  auch  zu  vollendetem  Aus- 
drucke gelangt,  so  befände  sich  der  Name  Hans  von 
Marees  in  Aller  Munde  und  die  Geschichte  hätte  ihn 
neben  den  Besten  und  Grössten  zu  verzeichnen. 

Diese  Gunst  des  Schicksals  ist  ihm  versagt  worden. 
Vielleicht  aber  werden  spätere  Zeiten  sich  gewöhnen, 
das  Verdienst  und  die  Bedeutung  eines  Künstlerlebens 
nach  anderem  Maasse  zu  messen.  Vielleicht  werden  sich 
dann  die  Arbeiten , welche  Marees  uns  hinterlassen  hat, 
als  die  Anfänge  einer  künstlerischen  Dichtung  erweisen, 
welche  erst  Einzelne  da  und  dort  wieder  aufgegriffen 
haben  und  welche  endlich  eine  kunstsinnigere  Epoche 
einem  breiten  und  allgemeinen  Leben  zugeführt  hat.  Es 
wird  dann  wieder  eine  künstlerische  Ueberlieferung 


88 


geben,  in  welcher  für  jede  Begabung,  für  jede  echte 
Bestrebung  Platz  und  Anerkennung  zu  finden  ist,  — 
wie  es  schon  in  guten  alten  Zeiten  der  Fall  war. 

Die  Ueberlieferung,  mit  der  wir  Heutigen  zu  thun 
haben,  fusst  entweder  auf  den  alten  Meistern,  deren 
glänzende  Leistungen  zwar  vor  Aller  Augen  liegen,  die 
aber  doch  für  uns  todt  sind  und  bleiben,  weil  wir  an 
ihrem  Leben  und  ihrer  Thätigkeit  nicht  mehr  Theil 
haben  können.  Oder  sie  fusst  auf  der  akademischen 
Lehre , von  welcher  die  Geschichte  zeigt , dass  sie  zeit- 
weise durch  die  Thätigkeit  hervorragender  Männer  auf 
der  Höhe  ihrer  Absichten  erhalten  werden  kann,  dann 
aber  rasch  zu  einer  todten  Ueberlieferung  von  Formeln 
und  Geschicklichkeiten  herabsinkt.  Endlich , — und  das 
ist  leider  der  seltenste  Fall  — lassen  sich  künstlerische 
Ueberlieferungen  auf  Einzelne  zurückführen , welche, 
indem  sie  sich  frei  und  selbstständig  erhielten,  ihren 
eigenen  Weg  zur  Natur  gefunden  haben  und  ihren 
Beziehungen  zu  derselben  einen  zwar  individuellen,  aber 
allgemein  überzeugenden  Ausdruck  zu  geben  wussten. 

Auch  dieser  letzte  Fall  birgt  eine  grosse  Gefahr : 
die  Verwechslung  von  überlieferungsfähigen  und  nicht 
überlieferungsfähigen  Eigenschaften  von  Mann  und  Werk. 
Nur  allgemeine  Wahrheiten  haben  dauernden  Bestand, 
nur  allgemeine  Geistes-  und  Anschauungs-Qualitäten 
sind  übertragbar,  nicht  aber  die  individuellen,  welche 
in  jedem  Künstler  von  Neuem  geboren  und  errungen 
werden  müssen.  Wo  diese  Unterscheidung  nicht  fest- 
gehalten  wird,  geräth  die  künstlerische  Produktion  auf 
den  Weg  der  Mode,  welche  die  Welt  jährlich  mit  ver- 
wässerten Nachahmungen  dessen  überschwemmt,  was 
Ein  Begabter  eben  seiner  Laune  verdankte. 


Wie  sehr  musste  unter  diesen  Umständen  das 
Vorbild  eines  Mannes  erfreuen  und  anregen , der  mit 
uns  geboren  und  mit  uns  lebend,  in  seiner  künstle- 
rischen Gesinnung  gross  und  rein,  klaren  und  tief- 
blickenden Geistes  und  glühender  Empfindung,  alle  seine 
Kräfte  darauf  verwendete,  eine  breite  und  umfassende 
Grundlage  des  künstlerischen  Schaffens  wiederzuge- 
winnen. 

Während  seines  Lehens  war  es  ihm  nicht  vergönnt, 
den  Kreis  von  Anhängern  um  sich  zu  versammeln, 
welcher  seiner  vielseitigen  Befähigung  entsprochen 
hätte. 

Wiewohl  er  in  seinem  ganzen  Wesen  lehrhaft  war, 
war  ihm  die  Lehre  an  und  für  sich  nicht  Ziel  noch 
Zweck.  Er  liess  darin  Alles  auf  den  Zufall  ankommen, 
sowohl  was  die  Zahl  seiner  Schüler  anbelangte,  als  auch 
betreff  der  Einsichten,  die  etwa  für  deren  Köpfe  taugen 
mochten.  Alles  kam  ihm  auf  die  Sache  selber  an,  von 
deren  Ueberzeugungskraft  er  durchdrungen  war  und 
welche  er,  sei  es  an  sich  oder  an  Anderen,  gefördert 
zu  sehen  wünschte.  Noch  einige  Jahre  des  Lebens  und 
es  hätte  ihr  durch  ihn  an  weittragender  Verbreitung 
sicherlich  nicht  gefehlt. 

Marees  erwähnte  öfters  der  Absicht,  seine  Lehr- 
Meinung  in  späterem  Alter  aufzuzeichnen  ; doch  ist  sehr 
zu  bezweifeln,  dass  er  je  dazu  gekommen  wäre.  Vielleicht 
aber  hätte  er  seine  Zustimmung  zu  einer  Sammlung  von 
Erinnerungen  an  seine  ausübende  Lehrthätigkeit , an 
seine  sachlichen  Ansichten  und  Aussprüche  gegeben, 
wie  man  sie  nun  in  diesen  Blättern  in  etwas  anderer 
Gestalt  unternommen  hat. 


90 


Man  wagte  es  im  guten  Glauben,  dass  sich  die 
Wahrheit  auch  im  unvollkommenen  Gewände  zum 
gleichgesinnten  Geiste  Bahn  bricht.  Wir  haben  heute 
von  Hans  von  Marees  nur  mehr  bildnerische  und 
geistige  Erinnerungen  ; es  sollte  wenigstens  nicht  un- 
versucht bleiben,  zu  ihrer  Erhaltung  und  Verbreitung 
beizutragen. 


«-t 


GETTY  CENTER  LIBRARY 


h 


3 3125  00653  1921